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DVD „Der Geist der Biker”
Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
» witzig, schrill, ironisch und intelligent.. « MOTORRAD
» Ein echter (Noch)-Geheimtipp! « MotorradABENTEUER
Sammler-Edition im hochwertigen Digipak · 63 Minuten + 40 Minuten Bonusmaterial · Kommentartrack des Filmemachers · in Deutsch, Russisch und Englisch
DVD Motorradfilm
10,98 €
inkl. MwSt
Download: DVD „Der Geist der Biker”
Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
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High Speed-Download der DVD (deutsch) - inklusive Kommentartrack und 40 min. Extras. Kopieren, Aufführen und Remixen erwünscht!
Download Bikers Soul
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Download: DVD „Route 66”
104 min · 5.1 Sound in deutsch und englisch · Kommentarspur · PAL

High Speed-Download des originalen, ausverkauften DVD-Image (mit Kommentartrack). Selbstverständlich darfst Du die DVD kopieren, aufführen, weitergeben oder verändern - auch zu kommerziellen Zwecken. Nutze den freien VLC Player zum Abspielen oder brenne die DVD.
Download Route 66
5,00 €
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CD „Route 66 Soundtrack”
Parking Lot at San Diego International Airport” - der originale Filmsoundtrack des ersten deutschen Open Source Films, für den Bechholds die GEMA verlassen musste, um die Free Culture möglich zu machen.
CD Route 66 Soundtrack
9,98 €
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Buch „Route 66”
Drei Jungs auf einem Road Trip durch die Klischees der amerikanischen Kultur – in einem 74er Cadillac V8. 4000 Meilen durch Klein- und Großstädte, Wüsten und Canyons, über Pisten und Interstates.
Das Buch zum Film. 108 Seiten
» Sobald du Grün siehst, stemmst du das Gaspedal in den Filzteppich, die Reifen pfeifen kurz, krallen sich in den Belag, dann drückt es dich in den weichen Sitz, das Handschuhfach fliegt auf, der Motor schreit dich an und deine Gegner verschwinden in einer Wolke aus Benzin, Öl und verdampfendem Gummi. Den acht Litern Hubraum ist kein Japaner gewachsen. «
DVD Route 66
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DVD „Geist der Biker”
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ELIZA

 
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Blut und Pflanzen in Bolivien

Diese Story sollte eigentlich in meiner monatlichen Tourenfahrer-Glosse erscheinen - wird sie aber nicht, weil sie zu krass ist. Dabei hatte ich sie schon entschärft. Die unzensierte Version wird in meinem Buch »Das Gegenteil von Staat - Geschichten über Outlaws« abgedruckt, voraussichtlich Ende des Jahres.


Illustration (cc by) Stefan Kluge, Francesco Rachello


Was ein Washingtoner Drogendealer mit Frieden und Wohlstand in den Anden zu tun hat.

Die übliche Art Meskalin zu schmuggeln ist jedenfalls nicht in einem 100 Liter Müllsack auf der Sitzbank einer XT 500. Zumindest nicht in Europa, aber vielleicht in La Paz. Seit einer Woche hingen wir hier fest - ein halbes Dutzen Backpacker und ein Bikerpärchen aus Washington. Die deutsche Botschaft hatte gerade begonnen die Touristen mit Militärhubschraubern auszufliegen. 26 waren schon draußen, 83 warteten noch. Das meldete AFP am Nachmittag - mich nicht mitgezählt, denn ich hatte nicht vor, schon zu gehen. Jedenfalls nicht bevor mir vor dem Hostal eine Australierin in die Arme lief: “Wenn Du die Stadt verlassen willst, werden sie Dich töten! Alle Busse kamen mit eingeschlagenen Scheiben zurück.“ De Lozada, der Präsident, musste wie ein verprügelter Hund aus dem Land fliehen und saß bereits im Flieger nach Miami. Auch wir kuckten uns den Wahnsinn von oben an, nämlich von der Dachterasse unserer Herberge.

Ein Berliner Rasta-Mädchen ließ einen Joint kreisen und fuhr mit ihrer Geschichte fort: „Wir haben nach ‚polvo de San Pedro’ gefragt. Du musst das Pulver verlangen! Wenn sie kein Pulver haben: Zur Not tut es auch ein Kaktus, aber das Pulver macht es einfacher und du bekommst es gleich in der richtigen Dosierung.“ Neben ihr saß ein Typ im Schafsfell-Umhang und unterbrach sie: „Zumindest dachten wir, es wäre die richtige Dosierung“. An der Trommel zwischen seinen Beinen klebte ein „Pro Palästina“-Sticker, was den Israeli neben mir nicht zu stören schien. Der war mit seiner Kamera beschäftigt. Olga, die Rasta-Braut, fuhr fort: „Das Pulver rührst du in einen Tee ein und den trinkst du, bevor das Zeug fest wird. Und dann musst du nur noch warten.“ Der Schäfer hörte auf zu trommeln und nahm den Joint entgegen: „Es war total strange! Mein Mutterschiff hat angefangen zu leben!” Mit Mutterschiff meinte er sein Zelt und dann wurde er noch blumiger: “Die Wände haben geatmet. Oder pulsiert! Da ist alles innerlich zerflossen! Irgendwie riss das Feuer dann sein Maul auf und fraß mein Zelt. Ab da kann ich mich nicht mehr erinnern.“ „Ich leider auch nicht“, ergänzte Olga. „Aber an den nächsten Morgen!“ fuhr der Schäfer fort. „Mein Zelt war abgebrannt. Und meine Sachen. Sogar mein Lama-Pullover. Und den hatte ich an!“ Er zog sein Schafsfell beiseite und zeigte eine fiese Brandwunde. Ein Licht blitzte auf - der Israeli hatte prompt ein Foto geschossen.

Als wir mit Lachen fertig waren, hörten wir in der Dunkelheit Knaller hochgehen. Oder wahrscheinlich waren es Schüsse, schließlich war ja Bürgerkrieg. Am nächsten Tag saß ich als Sozius auf dem Bike des Washingtoners, der sich als kleingewerblicher Drogendealer entpuppt hatte. Wir waren auf dem Weg nach Coroico. Dort sollte es rauhe Mengen San Pedro geben, das war der Meskalin-Kaktus, dem der Schäfer seine Brandwunde verdankte und den wollten wir jetzt alle mal testen. La Paz liegt auf 4000 Meter Höhe, in einem Krater, auf dem Anden-Hochplateau. Wenn man aus Peru kommt, fährt man stundenlang auf dieser Hochebene, aus der ein paar der schönsten Sechstausender ragen. Und dann gelangt man an den Rand des Kraters, der 1000 Meter nach unten geht und zwei Millionen Menschen fasst. Es gibt nicht viele Orte wie diesen auf der Welt. Als wir in die Stadt fuhren brodelte es schon an den Rändern. Überall standen ausgebrannte Autowracks und vermummte Typen liefen wild durcheinander. Dann wurde mir auch noch mein Pass geklaut. Aber was solls, dachte ich, hier kommst du so schnell sowieso nicht raus, denn hinter uns hatten die Aufständischen die Stadt verriegelt. Es gab nur noch eine befahrbare Straße, die Camino de la Muerte. Zu Deutsch heißt das “Straße des Todes” und auf der standen wir gerade. Rechts neben uns ging es 500 Meter nach unten, senkrecht und ohne Leitplanke. Links neben uns schob sich ein 40-Tonner vorbei und kratzte dabei mit der kompletten Flanke am Felsen, weil die ganze scheiß Piste nur 3 Meter breit war. Alle paar Kilometer steckte ein Kreuz am Wegrand und wir hatten noch 4 Stunden Fahrt vor uns.

Wir kamen zitternd am Ziel an, aber es sollte uns bald wieder blendend gehen, denn ein weißer Geschäftsmann, der sich gerade ein Taxi gerufen hatte, hörte mich fluchen und lud uns sofort zu sich nach Hause ein. “Habt keine Angst, Jungs”, sagte er, als wir seine Villa betraten, “Es gibt eine bombensichere Methode, dieser verrückten Gewalt zu entkommen.” und zeigte auf ein Kinderlaufrad. “Aber es dauert eine Weile!” Wir standen auf einer Glasveranda. Weiter unten am Berghang stieg Dampf aus seinem Pool auf, der von innen leuchtete. Der Mann war mit Spekulationen reich geworden. Er kam gerade aus Uruguay, von der Residenz eines befreundeten Spekulanten. Der hatte “Crisis Investing” geschrieben, ein Bestseller in den 80ern. Die These war: je stärker Regierungen die Märkte regulieren, desto größer die Nebenwirkungen - zum Nachteil der Produktiven und Investoren, aber zum Vorteil der Spekulanten. Wenn jeder Hanswurst nach Regulierung schreit, haben Spekulanten also gute Karten. Ein Kleinkind fing hinter uns an zu jammern und die bolivianische Frau des Mannes verschwand im Haus. “Genau genommen wird es noch mindestens zwei Generationen dauern, bis zur friedlichen Zivilisation, aber ich habe großes Vertrauen in euch.” sagte er und zog einen Zweig Gestrüpp aus dem Kinderrad. ”Wer die Gewalt beenden will, hat nur eine Möglichkeit: seine Kinder gewaltfrei erziehen. Wenn ihr euren Kids das Schlagen nie beibringt, dann knüppeln die auch später nicht auf Kommando in der Gegend rum. Ihr wurdet ja bereits so erzogen, deswegen seid ihr auf dem Motorrad gekommen und nicht im Panzer. Eure Kinder werden noch einen Schritt weiter gehen.” Mein Washingtoner Gefährte wurde neugierig. “Eure Kinder werden nicht nur selbst nicht mehr im Panzer kommen, sie werden sich sogar weigern, die Panzer zu bezahlen, mit denen dann andere kommen.”

“Keine Sorge”, sagte der Washingtoner Dealer, “an meinen Geschäften klebt garantiert kein Blut. Ich kaufe und verkaufe unversteuert. Kein Cent davon landet bei der Army.” Der Spekulant nickte. “Genaugenommen sind wir hier, um bestimmte Kakteen zu kaufen.” Unser Gastgeber wusste bescheid und stellte uns am nächsten Morgen einem Bauern vor. Ein freundlicher kleiner Kerl, mit einer Horde lachender Kinder im Garten, die neben einer Hecke aus Kakteen herumtanzten. Offensichtlich waren das die San Pedros und der Bauer hatte auch gleich eine Machete zur Hand. Unser Geld drückte er seiner Frau in die Hand und ohne dass ein Schuss gefallen wäre verließen zwei zivilisierte Gringos einen zufriedenen bolivianischen Bauern mit einem 100 Liter Müllsack voller einheimischer Vegetation.

Geist der Biker

Für den Tourenfahrer schreibe ich eine monatliche Glosse, in der ich ordentlich auf die Kacke haue. Das wird dann leicht entschärft abgedruckt - die radikaleren Originaltexte werde ich hier gelegentlich mal posten. Mit diesem Text über unseren Russland-Trip fing alles an:

„Wollt ihr sterben? Ich bin Speznas, es kostet mich gar nichts, euch alle abzuschlachten.“ Es gibt Gegenden, da reden die Leute Klartext und wenn Du mit “Willst Du sterben?” begrüßt wirst, dann weißt Du, dass Du nicht mehr im Büro bist - dann hat der Urlaub offiziell begonnen. In diesem Fall im russischen Grenzland, 0:37 Uhr, wo ein blutender 150 Kilogramm-Nahkämpfer mit 2 Promille und Tauchermesser ein Nest von rastenden deutschen Bikern aushebt. Und warum auch nicht? Wer fährt schon freiwillig auf zwei Rädern in die Ferien? Das machen nur Kerle die sich ein romantisches Zeltlager nicht vermiesen lassen, nicht von den Speznas und auch nicht von Mücken so groß wie Industriestaubsauger. Zum Beispiel ein sächsischer Motorradclub auf Pilgerfahrt. Wir leben in wilden Zeiten und der Wahnsinn hat viele Gesichter. Wer bei vollem Bewusstsein 250 Arbeitstage im Büro verbringt und am Abend den Fernseher anmacht, der hat dem Wahnsinn in die Augen gestarrt, den kann ein besoffener Russe unterm Tannenbaum nicht schocken. Im Gegenteil. Endlich wird mal Tacheles geredet, da kann man sich das weichgespülte Hirn frei blasen. Wer das lange genug durchhält, der wird in seinem eigenen Gesicht nach ein paar Wochen einen alten Bekannten wieder treffen: das Breite Grinsen. Im Prinzip wartet der Spaß ja vor der Haustür. Zumindest für einige von uns. Mann nimmt ihn zwischen die Beine um sich damit in unter 4 Sekunden auf 100 zu katapultieren. Das ist schnell genug, um den Alltag abzuhängen - alles was noch schneller wäre, ist illegal. Als man mich fragte, ob ich den Trip des Clubs filmen würde, hatte mich gerade der TÜV vom Hof gejagt. Also musste ich auf der Supermoto meiner Frau nach Russland fahren. Einer KTM Duke. Dieser alpine Dampfhammer wurde nur zu einem Zweck geschaffen: um entweder auf dem Hinterrad oder auf dem Vorderrad bewegt zu werden. Nur im Ausnahmefall auch auf zwei Rädern gleichzeitig, nämlich wenn der Fahrer auf eine Straßensperre zurutscht. Eine normale Verkehrsteilnahme wurde nicht vorgesehen und eine zusammenhängende Fahrt von über 100 Kilometern schon gar nicht. Das ideale Vehikel für einen 7.000 Kilometer-Trip, denn man sollte sich nicht täuschen: das Breite Grinsen gibt es nicht umsonst. Die schlechte Nachricht ist: wer richtig befreiend lachen will, der muss erst mal weinen und auf einer fingerbeheizten Reiseenduro kann es bis Ulan Bator dauern, bis Tränen fließen. Ich weinte schon in Lettland, als nach 2.000 Kilometern und einem Arsch voller Pickel die Hochsicherheitsgrenzerin sagte: „Sie können hier nicht einreisen, das Fahrzeug ist nicht auf Sie zugelassen.“

Orthodoxe Biker-Priester

Wir wollten zum Black Bears Yaroslavl Motorradclub. Die waren für die Bärenmeile berüchtigt, das ist Wintersport auf russisch: 1000 Rallye-Kilometer in 24 Stunden, inklusive Flussdurchfahrten bei 20 Grad minus. Statt Gore-Tex haben die Jungs Damenbinden im Turnschuh, das kann man sich ja gleich mal für den nächsten Blumeninsel-Ausflug merken, wenn der 500 Euro Stiefel nach der Sommerhusche nicht gleich wieder furztrocken ist. Der Black Bears MC war auch bekannt für seinen legendären Priester und der hatte uns angeboten, unsere Motorräder zu segnen. Das hatte uns der Geistliche in unserem Club eingebrockt: Roman – orthodoxer Theologe und Gründungsmitglied des MC Metern Sachsen. Er hatte selbst Wurzeln in Russland, war praktischerweise auch Dolmetscher und hatte beschlossen, mit dem MC Metern in seine Heimat zurück zu kehren. Auf dem Urgestein der modernen Straßenmaschine – einer Bandit. Ich hatte meine letzte Bandit mit 80 Sachen in eine Mercedes-Tür gerammt. „Ich sah nur noch diesen roten Feuerball auf mich zukommen!“ faselte die Unfallgegnerin vor Gericht, aber die Schmeicheleien kamen zu spät, mein Bike war ruiniert. Romans Bandit hatte bereits zwei Bremsscheiben am Vorderrad, es konnte also nichts mehr passieren. Und außerdem stand uns die Segnung bevor, die würde uns praktisch unverwundbar machen. Ich kannte das Segnen von Dingen nur aus Videospielen, in denen die Fahrzeuge dann besser performten, aber man hatte mir versichert, dass auch im echten Leben ein Effekt zu bemerken wäre – wenn auch nicht direkt im Fahrverhalten. Also packte ich die Kamera und fuhr mit nach Russland. Oder bis nach Lettland, an die russische Grenze, weiter kam ich ja erst mal nicht: der Staat musste jetzt erst mal seine autoritäre Fratze rausholen. Aber wo die Leute Klartext reden, da ist auch der gesunde Menschenverstand nicht weit, selbst der Grenzerin war völlig klar, dass ich hier einreisen musste, also durfte ich in der Dämmerung eine Vollmacht fälschen und wir brachen auf ins Speznas-Land.

Hinterland

Es war unsere erste Nacht hinter der Grenze. Der besoffene Soldat hatte sich freundlicherweise zurückgezogen: „Ich komme wieder, mit Verstärkung, und dann werden wir euch in euren Zelten verbrennen!“ In Fachkreisen sagt man auch „gezielte Tötung von Personen“, das stand zum Thema Speznas in meiner Handy-Wikipedia, deshalb empfahl ich die unverzügliche Weiterreise ins Landesinnere. 2.000 Kilometer lagen vor uns: über St. Petersburg, durch Karelien, entlang des Onegasees, bis in den Goldenen Ring, nach Jaroslawl. Die Metropolen im Westen sind durch Trassen verbunden, die den klaren Vorteil haben, dass der gemäßigte Mitteleuropäer dort am Steuer nicht einschläft. Ab 120 kommt Rallye-Feeling auf: Smog, Schlaglöcher, Verkehrschaos – ich hatte in 10 Minuten mehr Kalorien verbrannt, als auf einer Fahrt von Zürich nach Hamburg. Das ist was für Sportsmänner. Spieler setzten eher auf Nebenstraßen. Die sind erst mal vielversprechend: wenig Verkehr; gastfreundliche Provinzen; Kolchosen mit Bergen echter Hausmannskost, zum Preis eines halben McMuffins. Dafür ist die nächste Tankstelle schon mal 300 Kilometer entfernt – mit einem 12 Liter Tank braucht man nicht antreten. Nebenstraße enden gerne auch in Baustellen, die sich als 50 Kilometer lange Grobschotterpisten herausstellen. Hier sind große Vorderräder angesagt, gerne auch mit Straßenprofil, aber möglichst auf mindestens 19 Zoll. Sportlich wird es dann doch wieder, wenn eine Lehmpiste anfängt und es seit drei Tagen regnet. Da helfen auch die „Metzeler Enduro“ nicht weiter, weil das bisschen Freiraum im Profil keinen Kilometer frei bleibt, da müssen echte Beißer-Stollen ran. Das wirkt sich fies auf die Etappenzeit aus vor allem in Gruppen mit Straßenfraktion. Deshalb ist Zelten erste Wahl: wenn es dunkel wird fährt man von der Straße runter und schlägt das Lager auf. Das passt sogar gut zum ländlichen Lebensrhythmus und ist in Russland auch noch legal. Wir waren zu sechst. Christian war das älteste Mitglied unseres Clubs. Er hatte seine R1100R gerade erst gekauft und es war seine erste Krad-Tour seit 25 Jahren. Über ein halbes Jahrhundert produzierten die Bayern diesen Zweizylinder-Boxer, die unzerstörbare Gummikuh. Auch die Dnepr- und Ural-Ingenieure fanden den Motor super und bauten schon zu wehrmachtszeiten die feinsten Plagiate. Menschentrauben bildeten sich immer eher um die BMWs – wer also gefeiert werden will, der sollte in Weiß-Blau erscheinen. Uwe war ausgestattet, um mit 190 durch knietiefen Sand zu fahren. Seine KTM 990 war der Einstieg der Österreicher in das Segment der großvolumigen Reiseenduros. BMW hatte den jahrelang mit der R1200GS dominiert – die Schwarzenegger des Motocross hatten nun beschlossen, auch die Schlammspritzer mit schwerem Gerät auszustatten. Tom war mir bereits als Kamikazefahrer bekannt. Seine BMW K100 hatte einen modifizierten Automotor unter dem Tank hängen. 250 Kilo schwer – beladen: eine halbe Tonne. Eine Maschine, die man in Richtung Sibirien dreht und von der man erst wieder absteigt, wenn man angekommen ist. Die fahrende Komfortmatratze unter unseren Krädern. Die Ausrüstung von Matthias, Chirurg und Chef des Clubs, war darauf optimiert, eine Leber-OP auf offener Straße durchzuführen – er hatte genug Schmerzmittel für eine Kleinstadt und ich spekulierte seit der Abreise damit seine Adrenalinampullen zu stehlen. Auch er fuhr die 990er Zweizylinder-KTM – mit abgeflextem Windschutz, um den Fahrtwind besser zu spüren. So stießen wir weiter in das Hinterland vor, auf Nebenstraßen, in Richtung der Ostgrenze des Kontinents. Die Tage zogen ins Land und wir waren auf dem besten Weg unseren Rhythmus zu finden: kurz vor der Dämmerung schlugen wir die Zelte auf, beleidigten die Maschine des Gesprächspartners und warteten ungeduldig auf den Morgen. Gefrühstückt wurde beim ersten Stop des Tages und das Essen schmeckte immer besser. Immer schlechter wurden dafür die Straßen, aber das war gut so, denn mit jedem Schlagloch fiel nur noch ein weiterer lästiger Gedanke von uns ab. Nach einer Woche in Russland hatten wir den Alltagszorn abgelegt und den Zielzustand erreicht: den Flow.

Outlaw

5 Jahre zuvor, an einem labilen Juniabend: mehrere Sondereinsatzkommandos auf dem Weg zu einer Black Bears Clubfeier, auf der sich ein paar Streifenbullen mit einem Mitglied angelegt hatten. Noch bevor die Six-Packs richtig in Stellung gehen können, fahren ihnen ultrakurze Basswellen in die Schädel: ein paar tausend Biker lassen ihre Stiefel rhythmisch auf den Asphalt krachen, um ihr Territorium zu markieren. Der libertäre Russe sieht das nämlich ganz praktisch: entweder bezahlt er die Staatspolizei, oder er engagiert eine andere Art Mafia-Sicherheitsdienstleister. Der Staat nennt es “Steuern” und die Mafia spricht von “Schutzgeld”. Zahlt er nicht, wird er von beiden vernichtet: die Beamten kidnappen ihn, werfen ihn in eine stinkende Zelle und sorgen dafür, dass er nie wieder einen Job bekommt; die Mafia schlägt ihm den Schädel ein und brennt sein Haus ab. Er hat also durchaus eine Wahl und in machen Gewerben sind die außerstaatlichen Sicherheitskräfte die einzigen, die ihr Geld wert sind. Auf dieses Geschäftsfeld haben sich manche Motorradclubs spezialisiert - die Black Bears gehören allerdings nicht dazu. In Jaroslawl erwartete man unsere Ankunft. Genau genommen kam ich gerade aus dem Gewächshaus eines Klosters, als mitten auf dem Dorfmarktplatz ein riesiger schwarzer Bär auftauchte. Wir hatten vor einem Waffenladen unsere Zelte aufgeschlagen, schließlich kam die Sonne endlich raus, warum also nicht mal ein Nickerchen machen. Ich holte sofort mit meiner Kamera zum Schlag aus, als ich das Biest plötzlich vor mir sah, bis ich gerade noch rechtzeitig begriff, dass der Priester des Black Bears MC vor mir stand. Der Mann war so breit wie ein achtzylinder Reihenmotor und konnte mit seinen Nackenmuskeln mehr Drehmoment entwickeln als eine Vincent Black Shadow auf der Zielgeraden. Aber dafür war er nicht bekannt geworden. Seine Jugendarbeit war das Phänomen. Im Namen des Herren machte er aus harmlosen Kirchgängern sattelfeste Biker und manchmal auch umgekehrt, jedenfalls bereicherte er offenbar die Szene, denn die Black Bears stellten ihn eines Tages eine nagelneue Chopper vor die Tür, mit 1%-Zeichen auf dem Tank und der Einladung, dem Club beizutreten. Unter den 1% Outlaws der 100% Kradfahrer dürften nicht allzu viele Erzpriester sein, dachte ich mir, witterte fette Beute und versteckte mich hinter der Kamera, anstatt damit auf den Geistlichen einzuprügeln. Das zahlte sich aus, denn der Mann war ein erstklassiger Gastgeber. Auf der Fahrt zu seiner Kirche machten wir in einem halben Dutzend Klöstern halt, wo jedesmal festlich aufgetischt wurde, aus hauseigenem Anbau, dagegen schmeckt die deutsche Biogurke wie ein nasses Stück Zellstoff. Ich hatte inzwischen einen knappen Liter Wein getrunken und ich war nicht der einzige. Wenn Du mit einem Russen anstößt, dann weißt Du besser genau, wann Du aufhören musst, denn Du wirst der erste sein, der aussteigt. Aber das sagt sich so einfach. Auf einer Reise breitet sich die Stimmung immer in Wellenform aus - es gibt gute und schlechte Tage und während der eine gerade auf seiner Amplitude spazierenfährt, kann es dem anderen hundeelend gehen. Im Grunde hat jeder Einzelne viele solcher Wellen und wenn alle Wellen gleichzeitig an ihren Höhepunkt gelangen, dann ist man der König der Welt. Steigern lässt sich das nur noch dadurch, dass die ganze Gruppe in Extase ist. Das sind kostbare Momente in denen man noch was über sich selbst lernen kann, denn dann hängt man sich auch schon mal weiter raus als sonst, ein König ist ja unbesiegbar. Wir preschten inzwischen wie ein Tsunami durch die Dörfer, mit 180, Georgi wie ein Dreimaster an der Spitze und der Abt mit dem Passat hinterher. Dazwischen fuhr MC Metern in Hochstimmung; ich hatte gerade noch Zeit mich über meinen Rennvergaser zu freuen, bevor mir die verdammte Gepäckrolle davon flog. So kamen wir vor der Kirche des Erzpriesters an und er segnete tatsächlich die Maschinen.

Eine Notiz an mich selbst, so lange hier noch Platz ist: Auf zukünftigen Russlandreisen die Sturmhauben absetzen, sobald sich ein Soldat dem Nachtlager nähert. Auch wenn dann die Mücken zum Angriff blasen. Vor allem, wenn die Motorräder nicht zu sehen sind und man gerade einen totgefahrenen Hasen häutet.

VEB-Interview in der LVZ

Verena Lutter interviewte mich neulich für die LVZ - eine gute Gelegenheit, die sozialistische Filmförderung zu dissen:

Kreativ in Leipzig, Teil 4: Wie Stefan Kluge mit VEB Film Leipzig das Filmgeschäft revolutionierte (Teile 1-3 hier)

An Leipzig kleben viele Labels. Messestadt, Bachstadt und Buchstadt zum Beispiel. Eines wird bisher noch nicht so häufig verwendet: Kreativstadt. Dabei arbeiteten 2010 schon 11,6 Prozent aller berufstätigen Leipziger in Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft. In loser Folge stellt die Szene-Seite in Zusammenarbeit mit dem Verein Kreatives Leipzig Akteure der elf Teilbranchen vor ― von A wie Architekturmarkt bis W wie Werbemarkt. Heute: Stefan Kluge von der Open-Source-Filmfirma VEB Film Leipzig.

Frage: 2004 haben Sie mit „Route 66“, einem Road-Movie über drei Leipziger und einen 30 Jahre alten Cadillac, den ersten deutschen Open-Source-Film ins Internet gestellt. Er wurde innerhalb eines Jahres über eine Million Mal heruntergeladen und finanzierte sich über Sponsoren, Spenden und DVD-Verkäufe. Warum haben Sie nicht einfach einen Förderantrag gestellt?

Stefan Kluge: Angenommen, wir sitzen in einer Kino-Lobby, und ich erzähle Ihnen von einem Film, den ich drehen will. Es geht um drei Jungs, die in einem V8 auf der Suche nach dem amerikanischen Traum sind. Was für ein Kitsch, denken Sie und sagen: Tut mir Leid, ich kann Ihr Projekt nicht finanzieren. Plötzlich kommen meine Buddies zur Tür rein, die alle dasselbe Kostüm anhaben und sagen zu Ihnen: Wir bekommen jetzt 17,98 Euro von Ihnen, oder Sie kommen mit. Das ist staatliche Filmfinanzierung — der Kunde wird weder gefragt, ob er zahlen will, noch wofür.

Woran lag es, dass sich in so kurzer Zeit so viele Menschen für Ihren Film begeisterten?

Kluge: Wahrscheinlich, weil das Projekt so radikal war. Einerseits netzpolitisch: als erster deutscher Langfilm unter einer Lizenz, die das Kopieren, Aufführen und Remixen gestattet. 2004, als die meisten Produzenten am liebsten alle Filesharer in den Knast gesteckt hätten. Und auch aus filmischer Sicht: Route 66 wurde von ein paar Quereinsteigern mit privaten Geldern realisiert, die dabei gegen zwei Drittel aller Regeln des Filmhandwerks verstoßen haben, und wurde trotzdem gern gesehen.

Was hätten Sie getan, wenn sich nicht genug Leute gefunden hätten, die „Route 66“ gut finden?

Kluge: Wahrscheinlich hätten wir VEB Film Leipzig nicht gegründet, ich wäre SPD-Wähler geworden, williger Steuerzahler, zufriedener Konsument staatlich abgesegneter Konsensfilme und hätte immer genug Geld auf dem Konto.

Unendliche Weiten, die nur auf eine Erkundung warten: Stefan Kluge während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film „Breslau” über „einen Haufen Irrer, die mit Endgeschwindigkeit quer durch Polen rasen“. Foto: (cc by) VEB Film Leipzig

VEB Film Leipzig veröffentlicht alle Filme unter freien Lizenzen, das heißt, jeder kann sie ohne Ihre Erlaubnis weitergeben, aufführen und sogar verändern. Haben Sie keine Angst davor, wie sich Ihr „Baby“ dadurch verändern könnte?

Im Gegenteil, ich warte immer noch auf den Tag, an dem es endlich laufen lernt. Es ist natürlich sehr wahrscheinlich, dass es dann in eine komische Richtung läuft, so machen das Kinder wohl. Aber wenn ich es an die Leine nehme, via Kopierschutz zum Beispiel, dann wird aus dem Baby auch nie mehr als ein erbärmlicher Klon seines Vaters. Das ist die typische 20.-Jahrhundert-Denke: bloß keine Kontrolle abgeben. Aber die Rechnung haben sie ohne ihre Kinder gemacht.

Seit 2005 arbeiten Sie an Ihrem Free-Culture-Blockbuster „Die letzte Droge“. Sie haben außerdem „Der Geist der Biker“ und ein weiteres Road-Movie produziert. Wovon handeln diese Filme?

„Der Geist der Biker“ ist eine Urlaubsfilmparodie, deren Protagonist mit einem lustigen Dresdner Motorradclub auf Russland-Expedition geht. Den gibt es bisher nur auf DVD und via Bezahl-Download, aber natürlich unter Creative-Commons-Lizenz, also mit der Erlaubnis zum Kopieren und Remixen. Der Netrelease folgt voraussichtlich im Frühjahr. Im aktuellen Road-Movie geht es um einen Haufen Irrer, die mit Endgeschwindigkeit quer durch Polen rasen. Mit allen Fahrzeugen, die denkbar sind, von Mopeds bis vierachsigen Trucks. Eigentlich geht es um die Suche nach Harmonie, es ist also auch wieder eine philosophische Reise, aber der Film wird trotzdem sehr lustig und übrigens erstmals auch in 3D. „Die letzte Droge“ ist ein Cyberpunk-Science-Fiction, den haben wir zum Teil in Südamerika gedreht, wo wir auf der Suche nach einem seltenen Halluzinogen waren. Das ist der Road-Movie-Teil des Films ― mit dem Aufspüren der Droge beginnt der Cyberpunk, allerdings mal nicht als Kapitalismuskritik, was in dem Genre sonst meist zu sehen ist, sondern mit libertärem, demokratiekritischen Subtext.

Auf Ihrer Website kann man sehen, wie viel Geld noch fehlt, bis die Produktionskosten wieder drin sind. Wie lange hat es bei „Route 66“ gedauert, bis Sie im Plus waren?

Das hat nur ein Jahr gedauert, aber der kostete uns auch nur 30 000 Euro. „Der Geist der Biker” wird ein paar Jahre länger brauchen, weil das Sponsoring schwieriger geworden ist. Unser Cyberpunk-Science-Fiction wird die Kosten wahrscheinlich nie einspielen, aber damit haben wir auch nicht gerechnet. Das kann man als Lehrgeld betrachten. So eine Filmausbildung ist eben nicht billig, wenn man sie selbst bezahlt.

Nur 6,5 Prozent der Unternehmen der Leipziger Medien- und Kreativwirtschaft zählen zur Rundfunk- und Filmwirtschaft. Kennen Sie Ihre Leipziger Kollegen?

Ich kenne recht wenige, weil ich Autorenfilmer bin, das heißt, ich mache kaum Auftragsarbeiten und übernehme viele Parts der Produktion selbst. Außerdem ist VEB Film Leipzig ein Netlabel, das heißt, unser Markt ist sowieso überregional. Eine Zeit lang habe ich allerdings hier und da Vorträge gehalten, und die waren in Sachsen übrigens meist besser besucht als zum Beispiel in Berlin ― ich finde die Übersichtlichkeit hier eigentlich ziemlich sympathisch.

Machen die jetzt auch alle Open-Source-Filme, weil VEB Film Leipzig damit so erfolgreich war?

Das haben wir vor sieben Jahren alle gedacht, aber wir sind die einzigen im deutschen Sprachraum geblieben, die das dauerhaft machen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich mit Auftragsarbeiten mehr verdienen lässt. Wer allerdings kompromisslos eigene Filme machen will, der sollte sich das genauer anschauen!

Open Source-Spielfilm aus Polen

Tim Baumann, einer der wenigen Open Source Filmemacher, hat nun drei unterschiedliche Sounddesign-Versionen seines 93 minütigen Spielfilms Valkaama in HD unter der Creative Commons BY-SA Lizenz veröffentlicht. Das war ein ziemlich aufwendiges Projekt - Creative Commons Lizenzen werden bei langen Filme ja nach wie vor sehr selten verwendet. Tim hat übrigens auch Free Culture-Forschung betrieben, z.B. in seiner Diplomarbeit "Open Source Film Geschäftsmodelle".
"Mit der Veröffentlichung der Dateien ist das Valkaama Projekt nun offiziell beendet. Wir hatten eine schöne Zeit während der Arbeit an Valkaama und es war eine tolle Erfahrung, ganz am Anfang der Open Source Film Bewegung mit einem der ersten Open Source Spielfilme (wenn nicht sogar dem Ersten ;) mit dabei gewesen zu sein. Die Webseite bleibt natürlich online und das Forum wird von mir von Zeit zu Zeit gescreent um Fragen und Kommentare zu beantworten und es so gut wie möglich Spam-frei zu halten.

Von unserer Seite heißt es also Goodbye... Wir hoffen Ihr hattet Spaß beim Sehen des Films und falls Ihr ihn noch nicht herunter geladen habt, dann bekommt Ihr Eure DVD oder HD Version von Valkaama hier.

Over and out :)

Tim & das Valkaama Team"

Sony 3D-Postprocessing braucht 100GHz & handverlesene Algorithmen

Große Ernüchterung, als ich die Aufnahmen meiner neuen Rallye-Doku sichtete. Die Farben der Sony TD10E können nicht annährend mit den Farben meiner alten SD-Dreichipper-Kamera mithalten und das Interlacing ist so heftig, dass ich erst mal alle Shots mit einer schnellen horizontalen Bewegung im Bild mit "besser nicht verwenden" labeln sollte. Und das bei einem verdammten Motorsportfilm!

Interlaced Sony TD10E Footage, aus einem fahrenden Fahrzeug (1080i50 im 3D-Modus, d.h. automatik-Shutter)

Dann habe ich angefangen nach den neuesten Deinterlacing-Algorithmen zu suchen und siehe da: es gibt inwischen so unfassbar gute Software, dass man aus den 1080i50 Bildern der TD10E erstklassige 720p50-Bilder machen kann. Das bedeutet zwar, dass die Auflösung nun nicht mehr FullHD ist, aber dafür kann ich mit echten 50%-Zeitlupenaufnahmen arbeiten. Was für ein Segen bei diesen Aufnahmen und erst recht in 3D. So wird das Bild auch später nicht von schlechten Fernseher-Deinterlacern beim Zuschauer im Wohnzimmer verwaschen, da ich nicht mehr Interlaced arbeiten muss. Auf die Art muss man sogar froh sein, dass die Sony im 3D-Modus nur mit 50i arbeitet, sonst hätte ich mich beim Filmen wahrscheinlich für 25p entschieden und damit in den schnellen Shots die Hälfte der Bewegungsinformationen verloren.

Allerdings muss ich vor dem Workflow dieses Postprocessings warnen: für das Aufbereiten von 30 Stunden 3D-Footage habe ich mit 100 GHz Rechenpower in einer Renderfarm gut 2 Wochen gebraucht. Da fahren sämtliche Lüfter auf Industrielautstärke hoch, die Zimmertemperatur steigt um 10 Grad und der Stromzähler im Keller nimmt richtig Fahrt auf.
Es ist auch nicht mit einem Mausklick getan, aber die einzige Möglichkeit, die ich sehe, aus der Sony für meine Zwecke professionelle Bilder zu holen. Wer noch nie mit AviSynth gearbeitet hat, sollte einen Tag Einarbeitung einplanen. Hier der konkrete Ablauf:

1. Sony MVC-Files splitten

  • Ich arbeite mit dem Cineform 3D-Codec, weil der performant ist und gut in Premiere Pro integriert. Der Neo 3D-Trial läuft 2 Wochen, den brauchen wir zunächst. Danach kann man das kostenlose GoPro CineForm Studio nehmen - das ist eine abgespeckte Version des Neo 3D.
  • Die Sony liefert MVC-Dateien ab, die sowohl das linke, als auch das rechte Auge des 3D-Streams enthalten. Diese Dateien müssen mit dem MVC to AVI Converter in einzelne Dateien für links und rechts getrennt werden. Als Codec empfehle ich einen (fast) verlustfreien - ich verwende: "GoPro-CineForm Encoder 2" mit den Einstellungen "High" und "Single Frame Picture Group". Achtung: die Datenmenge verzehnfacht sich hiermit. 30h = 3TB
  • 2. Deinterlacen und Skalieren

  • Jetzt wird es tricky: der Schlüssel zum Erfolg nennt sich QTGMC - das ist ein State of the Art Deinterlacer, der macht aus unserem Konsumer-Schrott richtig schicke Bilder. Eine Schritt für Schritt-Anleitung würde hier Seiten füllen, ich reiße es mal kurz an: Virtual Dub installieren, AviSynth installieren, QTGMC installieren.
  • QTGMC wird per Script angesteuert, dort legt man auch die Parameter fest. Ich habe nun in diversen Tests die besten Parameter für mein Footage ermittelt und dann mit Hilfe eines Perl-Scriptes für jede einzelne Datei unseres Footage ein AviSynth-Script generiert, in dem diese Datei von 1080i50 auf 720p50 konvertiert wird. Hier mein Script:
    AVISource("E:Sony Source Files SplittedFILENAME.avi")
    ConvertToYV12(interlaced=true)
    AssumeTFF()
    Lanczos4Resize(1280,1080)
    QTGMC( 
      Preset="Slow", 
      ChromaMotion=true, 
      TrueMotion=true, 
      Tuning="DV-HD" )
    Lanczos4Resize(1280,720)
    
  • In Virtual Dub wird nun eine "Shared Job List" angelegt, die alle erzeugten AviSynth-Scripte enthält. Auf die kann man dann seine Renderfarm loslassen und gleich noch mal in Urlaub fahren. Wer keine Zeit hat, stellt im QTGMC den Preset nicht auf "Slow", sondern auf "Very Fast".
  • 3. CineForm 3D-Files erzeugen

  • Die links/rechts-Dateien müssen nun wieder zusammengefügt werden - dazu verwende ich CineForm First Light. Die Automux-Funktion kann auch numerisch-sequenziell benannte Files im Batch muxen, dazu einfach die Dateien nach dem Schema "l/0001.avi, "r/0001.avi", "l/0002.avi, "r/0002.avi" etc. ablegen, die ersten Dateien auswählen und dann auf "Auto Mux" klicken. Ich hatte mir ein Perl-Script geschrieben, das meine Files entsprechend umbenennt und nach dem muxen wieder zurückbenennt, da meine Sony-Files den Zeitstempel der Aufnahme im Dateinamen führten, den ich retten wollte.

  • Fertig:

    Deinterlaced mit QTGMC via AviSynth (nun 720p50)

    Die GoPro liefert übrigens bei Sonnenschein schon von Haus aus erstklassige 720p50-Bilder, die man mit dem kostenlosen GoPro Cine Form Studio muxen kann. Der ganze Kram wird dann gemeinsam mit dem konvertierten Sony-Material in eine CineForm 3D 720p25 Sequenz in Premiere Pro importiert (von einem Raid!) und dort mit 50 Frames für Echtzeit und 25 Frames für eine lupenreine 50% Zeitlupe abgespielt. Auf meinem 120 HZ Monitor kann ich nun in voller Auflösung in 3D mit Nvidia-Shutterbrille schneiden.

    Sony TD10E 3D Cam - Erster Eindruck nach Doku-Dreh

    Ich komme gerade von Dreharbeiten mit der neuen Sony TD10E 3D Cam zurück, die ja derzeit viele Indiefilmer interessiert, deswegen schnell mal meine ersten Eindrücke, solange hier noch Platz ist.
    Ich war 7 Tage auf einer Rallye, genau genommen der Breslau "Dakar des Nordens" Rallye, das bedeutet Staub, Matsch, Erschütterungen, Regen usw. Ziemlich rauhe Bedingungen. Der Staub und die Erschütterungen waren folgenlos, die Feuchtigkeit führte eines Morgens zu einer von innen beschlagenen Linse - es dauerte dann 4 Stunden, bis die wieder frei war, das hat mich ein paar gute Shots gekostet.
    Das Handling im 3D-Modus war problemlos: die Cam ist in wenigen Sekunden aufnahmebereit. Einen Sucher habe ich nie vermisst, denn das Display ist jederzeit hell genug (vor allem im 2D-Display-Modus, der macht auch wegen der grösseren Schärfe im Feld Sinn). Mit Autofokus und Autobelichtung hatte ich auch unter extremen Lichtbedingungen kein Problem. Während ca. 30h Aufnahme kam mir 1 Bug unter: die Cam blieb im Aufnahmemodus hängen und reagierte auf keinen Tastendruck mehr, es half nur noch das Akku-entfernen.
    Pro Tag brauchte ich drei NP-FV100 Akkus, die originalen Akkus reichen jeweils 4 Stunden und sind nach wenigen Stunden im Sony-Ladegerät AC-VQV10 wieder voll. Dort können auch zwei Akkus gleichzeitig eingesteckt werden, die werden dann nacheinander geladen, das ist Nachts ganz praktisch.

    Die Nutzung des internen 64GB-Flashspeichers (= 5 Stunden 3D) kann ich nur empfehlen, wenn man ein paar Stunden auf die Cam verzichten kann, während die Daten auf eine externe Platte übertragen werden. Man schliesst dazu eine USB-Platte an die Cam an und schiebt per Knopfdruck die Daten auf die Platte. Die Cam braucht dafür übrigens einen Stromanschluss, das konnte ich allerdings jeweils Nachts über ein KFZ-230V-Travo machen, ohne dass das die Autobatterie tangierte. Die Datenübertragung kam mir robust vor: nur die noch nicht kopierten Dateien wurden übertragen und auch eine plötzliche Unterbrechung war kein Problem. Wer die Cam nicht stundenlang lahmlegen will, dem würde ich empfehlen 'ne handvoll 32GB oder 64GB SD-Karten mitzunehmen, die kann man alternativ zum internen Speicher nutzen. Die SDs aber bitte nicht mit einem DigiMate 3 auf eine Platte überspielen wollen, denn das Ding geht schnell kaputt und ist unzuverlässig - ich habe es letztendlich nur noch als externe USB-Platte genutzt, weil es meine Speicherkarten nicht mehr auslesen wollte.

    Ich hatte die Sony inklusive eines Sennheiser MKE400 Richtmikros auf einer FlyCam Nano montiert, das war extrem handlich und uneingeschränkt empfehlenswert. Letztendlich habe ich die FlyCam meist nicht mal als Steadycam verwendet, aber durch das höhere Gewicht wurden die Bilder ruhiger und durch die FlyCam-Auflage konnte ich die Konstruktion schnell wie ein simples Stativ nutzen oder am Griff das Ganze auch mal sehr hoch halten. Die Cam selbst hatte ich via Stativ-Schnellkupplung an der FlyCam-Kameraplatte befestigt, dadurch musste ich nicht jedes mal neu ausbalancieren, wenn ich die Cam mal abmachen wollte (und ausserdem kann man den Akku sonst nicht wechseln). Die Sennheiser-Batterie hält übrigens ewig, also das Mikro tagsüber einfach immer anlassen, dann vergisst man es auch nicht beim Dreh.
    Steadycam-Fahraufnahmen sind mit diesem "Rig" allerdings kaum zu machen: sobald man schneller als 20km/h ist, bringt der Wind zu viel Gewackel rein. Allerdings ist der "Active Steady Shot"-Modus der Sony sehr gut.

    Sobald ich die Shots angeschaut habe werde ich hier von der Bildqualität berichten. Was das Handling angeht kann ich schon mal sagen: die TD10E ist zum Gonzo-Filmen geeignet.
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