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DVD „Der Geist der Biker”
Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
» witzig, schrill, ironisch und intelligent.. « MOTORRAD
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Sammler-Edition im hochwertigen Digipak · 63 Minuten + 40 Minuten Bonusmaterial · Kommentartrack des Filmemachers · in Deutsch, Russisch und Englisch
DVD Motorradfilm
10,98 €
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Download: DVD „Route 66”
104 min · 5.1 Sound in deutsch und englisch · Kommentarspur · PAL

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Download Route 66
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Buch „Route 66”
Drei Jungs auf einem Road Trip durch die Klischees der amerikanischen Kultur – in einem 74er Cadillac V8. 4000 Meilen durch Klein- und Großstädte, Wüsten und Canyons, über Pisten und Interstates.
Das Buch zum Film. 108 Seiten
» Sobald du Grün siehst, stemmst du das Gaspedal in den Filzteppich, die Reifen pfeifen kurz, krallen sich in den Belag, dann drückt es dich in den weichen Sitz, das Handschuhfach fliegt auf, der Motor schreit dich an und deine Gegner verschwinden in einer Wolke aus Benzin, Öl und verdampfendem Gummi. Den acht Litern Hubraum ist kein Japaner gewachsen. «
DVD Route 66
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DVD „Geist der Biker”
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ELIZA

 
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Hubraumorgien und Geldvernichtung im wilden 20. Jahrhundert

Eine neue Story aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Neunzehn Jahre lang besaß ich ausschließlich Motorräder, dann kaufte ich mir einen Bus, um damit die Motorräder spazieren zu fahren. Nach 20 Kilometern hatte ich das erste Auto gerammt und zehn Minuten später flog mir fast meine KTM durch die Scheibe, weil eines dieser zwergenhaften Stadtautos neben mir aus dem Nichts auftauchte. Ich hätte lieber gleich beim Mopped bleiben sollen. Mein erstes Mokick war eine 70 Kubik-Zweitakter mit 5,6 PS. 400 DM hatte mir ein Typ aus dem Nachbardorf dafür abgeknöpft. Das Scheißding war höchstens noch 200 wert. In die Trommelbremse war Sprühlack reingelaufen, die Elektrik war sowieso im Arsch. Das Hinterrad hatte er stümperhaft umgespeicht, um eine viel zu breite Felge reinzudonnern. Der Rahmen war am Heck schief hochgebogen und in der verlängerten Telegabel klapperte es immer. Das Ganze sollte eine Enduro darstellen, fuhr sich aber eher wie ein rumänischer Kinderwagen. Und das war noch nicht das Schlimmste. Die Umbauten schluckten die Hälfte der Leistung. Das war ein Problem, denn mit 16 Jahren kommt es auf jeden verdammten km/h an. Ob du mit 68 oder 70 Sachen durch die Gegend fährst, fühlt sich an wie der Unterschied zwischen Sterben und Leben. Zumindest, wenn die Karre deines Kumpels 69 läuft.

Mit 18 kaufte ich dann lieber gleich eine 650er, die Honda Dominator. Die hatte acht mal so viel Leistung und fuhr im Winter bergab fast 190. Das war ein handfestes Upgrade und passte auch gut zu den 90ern, da lebten nämlich alle über ihre Verhältnisse. Oder eigentlich waren die 70er ja die fetten Jahre, oder die 80er, aber da herrschte in meiner Heimat noch fieser Sozialismus. Ich hinkte sozusagen zehn Jahre hinterher. Die westlichen Demokratien waren damals schon dort, wo wir auch heute noch sind: für jede Mark, die an Steuern gezahlt wurde, bekam der Steuerzahler 2 Mark zurück. So lässt sich super Politik machen, denn wer was verteilen kann, der wird auch gewählt. Also verteilten die Politiker unsinnige Arbeitsplätze, Subventionen und Fördergelder bis auch in der Marktwirtschaft jeder Dritte, mindestens indirekt, für den Staat arbeitete. Natürlich explodierte dadurch die Staatsverschuldung, sogar nach offiziellen Zahlen. Aber wen interessiert schon, was die ungeborenen Enkel zahlen werden, solange das eigene Konto voll ist.

Ich kaufte mir also vom Geld meiner Enkel zum 18. Geburtstag diese prächtige Honda mit dem besten Rotax-Motor, der je gebaut wurde. 50.000 Kilometer lang drehte ich den täglich bis zum Anschlag, dann wurde mir die Karre geklaut. Am nächsten Tag holte ich mir eine 600er Bandit, die hatte nochmal fast doppelt so viel Leistung und fuhr endlich über 200. Scheiße, ich war schließlich kein Halbstarker mehr. Auf die Bandit montierte ich ein Stahlrohr aus dem Baumarkt als Lenker, so dass es mir in engen Rechtskurven immer die Kupplung zog, weil der Bowdenzug zu kurz war. Auch das passte super zum Zeitgeist: Hauptsache da sitzt jemand möglichst beeindruckend am Steuer, ob er die Karre überhaupt noch lenken kann, interessiert kein Schwein. Natürlich endete das in meinem Fall in einem erbärmlichen Unfall, aus dem die Bandit als Metallklumpen hervorging. Im Fall des langen 20. Jahrhunderts endet es gerade mit einem Crash der Währungen und des gesamten Zentralbank-Geldsystems. Mehr Schein als Sein ist eben auch bei Zentralbankern das Motto. Mal sehen, wie wir alle aus dieser Krise hervorgehen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir ebenfalls als Klumpen enden, nämlich als der vereinigte europäische Volksklumpen, in dem alle in denselben brackigen Steuertopf einzahlen und das gleiche Mindestgehalt bekommen.

Aus dem Steuertopf wurden auch meine Arztrechnungen bezahlt, und die kamen reichlich nach dem Bandit-Crash. Eine Woche lag ich im Krankenhaus, das reichte, um mich für das nächste Bike zu entscheiden und zwar für eine 600er Hornet. Die hatte wieder 20 PS mehr, aber diesmal auch ein erstklassiges Fahrwerk. Es war derartig gut, dass ich als Laie, noch in Schräglage, mit einem Wheelie aus der Kurve heraus beschleunigen konnte. Wieso auch nicht? Die nächsten Arztrechnungen werden auch wieder gleichmäßig auf ein paar Millionen Leute verteilt, dachte ich mir, nur ein Feigling würde mit Anfang 20 unter diesen Umständen ordentlich fahren. Diesmal verbaute ich dann zwar einen ergonomischeren Lenker, aber genüzt hat er mir nicht lange, denn die Karre wurde ebenfalls geklaut.

Dann ging ich erst mal in die Staaten. Und hier begann mein Verhältnis mit Autos. Zuerst mal mit einem 1990er Mustang Cabrio mit Handschaltung, in dem ein V8 drin war. Der hatte zwar nur 225 PS, dafür aber 5 Liter Hubraum. Irgend ein Witzbold hatte in die Karre allerdings ein anderes Getriebe eingebaut, was der Vermieter angeblich noch nicht wusste. Er wollte mir nämlich zwei Monate später dafür 800 Dollar abnehmen, weil ich scheinbar während der Mietzeit das originale Getriebe gegen das eines Vierzylinder-Mustangs ausgetauscht hätte. Man konnte jedenfalls auch im zweiten Gang noch das Heck leiern lassen und zwar ab eintausendfünfhundert Umdrehungen. Seitdem habe ich mir vor jedem Motorkauf immer erst mal die Drehmomentkurve angesehen. Weniger als 400 Newtonmeter wollte ich danach nie wieder anliegen haben. Zumindest nicht bei schweren Wagen.

Aber eigentlich fuhr ich ja auch in Deutschland schon Autos, zum Beispiel den Renault Clio meiner Oma. Eine lustige Karre war das, mit winzigem Motor, keine Ahnung wie klein der war. Ich weiß noch wie das Auto immer durch die Nordostkurve rutschte, auf dem Leipziger Innenstadtring. Es schob völlig gutmütig über alle 4 Räder gleichzeitig. Zumindest wenn man von Süden kam und nach Osten abbog. 50 Meter vor der Kurve ist eine Ampel. Die Strecke ist zweispurig. Auf der linken Spur konnte ich mit dem Clio manchmal nicht mal so viel Vorsprung rausfahren, dass ich in der Kurve die rechte Spur hätte schneiden können. In dem Mustang aus Miami hätte ich beim Start wahrscheinlich erst mal mein Heck gegen die Ampel geknallt. Es war nämlich verdammt schwierig, die Reifen eben gerade nicht durchdrehen zu lassen. Der nächste Burnout war immer nur ein Fußzucken weit entfernt. Dann kam der zweite Gang und es ging genau so weiter. Am Ende des Zweiten hätte ich in dieser Kurve bereits auf eine Verkehrsinsel gestarrt, die sich direkt von vorn aus 15 Metern Abstand mit 60 Sachen genährt hätte. Und was dann? Natürlich auf die Eisen, aber dieses bockende Metallmonster würde einfach nicht verzögern.

In Miami sind wir alle Kurven erst mal gefahren, als ob wir noch im Clio säßen. Bis wir dann gemerkt haben: wow, da sind ja rechts und links jederzeit noch 3 Meter Platz. Also haben wir die Karren von nun an immer schön driften lassen. Das war auch erst nicht ganz einfach, aber immerhin machbar - im deutschen Stadtverkehr ist es praktisch nicht möglich. Deswegen kaufte man sich hier lieber einen schnellen 3er oder einen alten 5er, wenn es was Massives sein sollte. In den USA brauchte man nach massiven Karren nicht lange suchen. Nach dem Mustang besorgte ich mir einen 74er Cadillac Eldorado. Ebenfalls ein V8 Cabrio, aber diesmal mit 8 Liter Hubraum, der Größenwahnsinn nahm also immer noch kein Ende. Nach 10.000 Meilen hatte ich auch den Cadi zu Schrott gefahren und dabei 3.000 Liter Benzin rausgeballert. Das war 2003 - das Ende des Amerikanischen Jahrhunderts war schon eingeläutet.

Als ich nach Europa zurück kam, baute ich mir eine Streetfighter auf. Das war der Höhepunkt meines abendländischen Irrsinns. Streetfighter erfüllen nämlich tatsächlich keine andere Funktion, als den Leuten was vorzumachen. Sie sind nicht die Straßenkämpfer, für die sie sich halten, jedenfalls habe ich noch keine Streetfighter bei der MotoGP gesehen. Oder bei der Breslau-Rallye. Interessanterweise ging es mit meiner Streetfighter nur langsam zu Ende. Die Maschine wurde anfälliger, blieb immer mal stehen, funktionierte nicht mehr wie früher und machte irgendwie kein Spaß mehr. Sie wurde nicht geklaut, ich fuhr nicht gegen die Brücke und es haute mir auch nicht bei 14.000 Umdrehungen die Kolben fest. Ich musste also selber erkennen, dass es zu Ende ging und den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg finden. Natürlich ging es dabei schon lange nicht mehr nur um das Mopped. Es ging darum, dass es generell vorbei war. Mit irgendwas. Ich müsste in Zukunft nach irgend etwas Anderem streben als vorher. Aber was könnte das sein?

Es war eine 10 Jahre alte KTM LC4 Adventure. Nach 100.000 Zweirad-Kilometern war ich wieder bei einer mickrigen Einzylinder gelandet und außerdem beim hässlichsten Fahrzeug, das jemals gebaut wurde. Zumindest auf den ersten Blick - und das war der springende Punkt. Wer zweimal hinschaute, der konnte erkennen, dass alles an diesem Fahrzeug einem Zweck diente. Es ging hier offenbar um Sein und nicht Schein. Das war schon mal neu und ziemlich befremdlich. Noch ein Phänomen fiel mir auf: das Mopped wurde immer schöner, statt hässlicher. Zum Beispiel durch die Startnummernaufkleber. Das Bike war ja tatsächlich konkret zu gebrauchen, zum Beispiel für Offroad-Rallyes. Oder wie wäre es mit einer Wasserdurchfahrt, weil die Autobahn in Sardinien einen halben Meter Regenwasser führt? Nur zu. Du bist mitten in Russland und der Anlasser ist kaputt? Was solls, es gibt immer noch Kickstarter. Die nächste Tankstelle ist 500 Kilometer entfernt? Na und, einmal volltanken, bitte. Die Pfütze auf der Schnellstraße war geschätzte 2 Meter tief? Kein Problem, wozu hat man den Killer-Federweg. Ein kleiner Überschlag in den Hang der Grenzkammstraße rein? Spiegel richten und weiterfahren. Und so ging das immer weiter, bis aus der hässlichen Ente ein kolossaler Flugsaurier geworden war. Beziehungsweise hatte sich am Mopped ja nichts geändert, nur meine Perspektive war inzwischen anders. Ich schaute jetzt aus Augenhöhe auf das Bike. Dazu musste ich erst mal vom hohen Ross runter und dann noch ‘nen Meter wachsen.

Aber da sind wir heute, wir fahren alle die Maschine, die zu uns passt. Wer das nicht tut, dem wird es bald ergehen wie seiner Rente: das Mopped wird über Nacht an Wert verlieren, nämlich an dem Morgen, an dem er aufwacht und plötzlich den Schein vom Sein unterscheiden kann. Die gute Nachricht für mich war: das hässliche alte Mopped, das zu mir passte, war schon für 3.500 Euro zu haben. Das ist praktisch, jetzt wo die fetten Jahre bald vorbei sind. Dafür musste ich noch nicht mal wieder meine Enkel beklauen.


Illustration (cc by) Stefan Kluge

RIP 2012

Die erste Hälfte des Jahres haben wir hinter uns und bei 50% Staatsquote fangen wir jetzt also damit an, den Rest des Jahres in unsere eigenen Taschen zu wirtschaften. Mit dieser Tourenfahrer-Glosse mache ich erst mal einen Haken an das Steuerjahr:

“Liste der Todesfälle bei der Rallye Dakar” ist der Titel einer Seite in der Wikipedia und die Liste ist 50 Zeilen lang. Zeilen 51 und 52 werde ich gleich noch anhängen, es fehlen nämlich noch zwei Tote von vorgestern. Keine Ahnung, warum die noch nicht drin stehen. Aber was solls? Wir leben im Jahr 2012 und da metzelt es im Motorsport die Leute eben schneller dahin, als wir unsere Websites updaten können. Bald wird es überall nach verbrannten Leichen riechen, im Abendland, denn der Gegenwind hat zugenommen und er bläst uns direkt ins Gesicht. Also knöpfen wir uns lieber schnell nochmal das letzte Jahr vor, so lange die Luft noch rein ist.

Im März rief mich mein Kumpel aus einem BMW-Showroom an und sagte, ich sollte mir das sofort mal angucken und lachen. Den 350 Kilo-Hightech-Klotz meinte er, die K1600 GLT. Dann fing er an rumzumotzen, dass niemand 6 Zylinder brauchen würde und die ganze Elektronik erst recht nicht und er würde sich jetzt auf seine CB 450 setzen und nach hause fahren. “Dann verpiss Dich doch, Du erbärmlicher Neandertaler!” schrie ich ins Handy und fuhr direkt zum Händler.

Wer ein Motorrad aus den 1980ern kennt, hat nicht das Recht, vor einer 2011er K1600 GLT zu stehen und nicht beeindruckt zu sein. In drei Jahrzehnten Motorradbaukunst wurden nämlich Fortschritte gemacht. Wir haben angefangen mit ein paar Kabeln, die die Lichtmaschine mit der Zündung und den Lampen verbinden. Und heute? Die K1600 hat ein Dutzend Mikroprozessoren mit ein paar Millionen Transistoren, die sich in Hochsprachen miteinander unterhalten und dir mit der Intelligenz von ein paar hundert Softwareentwicklern zur Seite stehen, sobald du den Bullen anschmeißt. Vor 30 Jahren war so viel Rechenleistung nur bei der NASA zu finden. Heute spazierst du am Samstag Mittag bei deinem Händler rein, packst 20 Scheine auf den Tisch und fährst mit einem Fahrzeug nach Hause, auf dem neulich sonst praktisch nur Jeff Bridges für Disney herumfahren durfte. Es gibt einen Grund für diese schnelle Entwicklung und der heißt “Wettbewerb”. Computertechnik entwickelt sich nicht zufällig schneller weiter als alles andere, sondern weil sie auf den am wenigsten regulierten Märkten stattfindet.

Auf der anderen Seite der Freiheit stehen die Energiemärkte. Die werden stärker reguliert als die Legoburg eines Zweijährigen. Und was passierte dort gleich noch im März? Ach ja, Fukushima passierte. Halb Japan wurde für immer verseucht, weil 130 Millionen Japaner glaubten, dass eine monopolistische Regierungsinstitution für sichere Energie sorgen kann. Dumm gelaufen. Das Risiko wird schön vom Volk getragen, während der Gewinn natürlich privat ist. So ist das wenn Regierungen sich in den Markt einmischen, in Asien wie auch hierzulande. Und was einmal in den Regulierungssumpf gerät, das bleibt dort für immer an Ort und Stelle stecken. Keine Innovation, kein Wettbewerb, einfach eingefroren in der Zeit.

Kein Wunder dass auch unsere mikroprozessorgesteuerte K1600 trotz Weltklasseingenieurswesen aus dem Freistaat mit einer 100 Jahre alten Energietechnik herumfahren muss. Wenn man auch die Jungs auf dem Energiemarkt einfach in Ruhe gelassen hätte, dann könnten unsere Moppeds seit 20 Jahren fliegen und würden ihren Saft für 10 Stunden Warp-Speed aus einem einzigen verdammten Apfel beziehen. Oder aus ein paar Tropfen Wasser. Aber nein, die Väter in den Amtsstuben kümmern sich drum, schön zurücktreten, liebe Kinder, wir haben alles im Griff.

Okay, jetzt motze ich auch schon wieder rum, wenden wir uns der freudigen Nachricht zu: bald haben wir alle einen Grund mehr, uns ein neues Motorrad zu kaufen. Denn den Euro wird es so nicht mehr lange geben. Nur ein Irrer lässt sein Geld auf dem Konto verfallen, während die besten Maschinen seiner Zeit in den Schaufenstern herumstehen. Nur in Gold, Munition und Konservendosen wäre es besser angelegt. Aber bleiben wir bei der Sache - welche Moppeds sollen wir uns kaufen?
Da wäre natürlich die neue Horex aus Augsburg, auch wenn noch nicht ganz klar ist, ob die Kiste was taugen wird. Zumindest hat man sein Geld dann aber gut ausgegeben, nämlich an einen Nachbarn, der die Kohle dann zum Sattler nebenan bringt. Oder vielleicht lädt er damit auch Pornos aus Thailand runter, in dem Fall kann man dann auch gleich selbst in Japan einkaufen, die armen Schweine können unsere Hilfe jetzt brauchen. Also wie wäre es mit der neuen Honda NC700 X? Bei Honda kann man nie viel falsch machen und für 7.000 Euro sowieso nicht. Oder man steckt das Geld in eine Gebrauchte, zum Beispiel in eine R1200 GS von 2004. Die sinkt dann auch im Preis kaum noch, jedenfalls nicht schneller, als die Kanzlerin unser Geld rausballert. Wir haben die Wahl, denn der Wettbewerb hält den Motorradmarkt in Schwung. Und so lange wir uns nicht reinreden lassen von Typen, die keine Ahnung haben, sind wir die letzten, die noch lachen. Nämlich spätestens, wenn wir auf der neuen Karre sitzen und durchstarten.

So ähnlich geht es auch den Rallye-Fans. Natürlich krakeelen jetzt die Opportunisten wieder, dass die Dakar verboten gehört. Und als nächstes sind dann generell alle Moppeds illegal, weil die Go-Kart-Lobby über Nacht erstarkt ist und in Zukunft mit dem Go-Kart als Ersatz-Mopped den fetten Reibach machen will. Aber natürlich mit konventioneller Energietechnik, dafür können dann auch schon mal ein paar Millionen Araber sterben. Also sage ich: scheiß auf den Regulierungswahn, schlimmer kann es nicht werden. Wir werden im Zweifelsfall in Zukunft immer den Wettbewerb entscheiden lassen und nicht die Politik. Denn wie unschwer zu erkennen ist, kommen die Gesetzgeber nicht hinterher. Eine handvoll Amtsmänner können die Welt nicht mehr retten. Das ist richtig, es ist jetzt offiziell, im Jahr 2012 ist dieser Zug abgefahren. Das Gute daran ist: wir sind alle sehr clever und selbst motorisiert. Es wird jetzt etwas holpern und stinken, das ist die Altlast aus dem 20. Jahrhundert, die uns noch ein paar Jahre im Weg rumliegen wird. Und wenn das Benzin dann zur Neige geht, werden die Wettbewerber einspringen und für jedes noch so popelige Mopped einen Austauschmotor anbieten. Das wird der Tag sein, an dem auch mein Kumpel mit der CB 450 die Technik feiern wird. Bis dahin werden wir uns die Laune nicht verderben lassen und weiterhin Vollgas fahren. Ich kann am Horizont schon die ersten Wasser-Verbrennungsmotoren sehen. Der freie Markt ist unermüdlich und er wird da sein, wenn die Politiker im Rückspiegel verschwunden sind. Wir werden dann grinsend absteigen, uns neben unsere neuen Moppeds stellen und auf das nächste Jahr anstoßen.



Illustration (cc by) Stefan Kluge

Signale Senden

Kraftfahrer müssen ab Juli in Frankreich immer einen Alkohol-Schnelltester mitführen. Wer keinen unbenutzten Test bei einer Kontrolle vorweisen kann, muss von November an elf Euro Bußgeld zahlen. Eine weitere libertäre Moppedstory aus meiner monatlichen Tourenfahrer-Glosse:



Illustration (cc by) Stefan Kluge


Am 1. Januar bin ich 0 Uhr 5 aufgewacht, weil es unverschämt laut war, auf der Straße. Auch der Gestank war eine Frechheit, aber der kam nicht von draußen, sondern aus meinem eigenen Zimmer. Mein Sohn hatte scheinbar wieder ins Bett gekotzt, aber dafür hatte er gleich zwei gute Ausreden: erstens waren wir krank und zweitens war er ein Baby. Ein paar Kilometer weiter gab es keine Ausreden, dort wurde gleich massenweise erbrochen und zwar am Arbeitsplatz meines Kumpels. Der feierte Silvester im Dienstwagen, als Notarzt, vor einer Großraumdisko. Flatratesaufen war das Motto des Abends und genau 7 Minuten nach Mitternacht kam das erste Mädchen besinnungslos aus der Schwingtür getaumelt und sackte im Schnee zusammen wie ein geköpftes Huhn. Danach ging es Schlag auf Schlag bis nach einer halben Stunde der Parkplatz aussah wie nach einem Giftgasangriff. Die Leute umklammerten Laternenpfähle, rutschten an Hauswänden in sich zusammen und spien sich gegenseitig willenlos die Sachen voll. Mein Kumpel hatte mich inzwischen angerufen, weil ich noch ein Interview für einen Rallyefilm mit ihm brauchte und dieses Setting war einmalig. Als ich 1 Uhr 47 die Kamera laufen hatte stieg der erste Diskobesucher in sein Auto, fuhr rückwärts gegen die Hauswand und schlief dann am Lenkrad ein.

Das brachte mich zu der Annahme, dass sich Alkohol auf die Fahrtüchtigkeit auswirken könnte. Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich auch und man will mir das alles nur einreden, beziehungsweise sind Hypothesen sowieso einen Scheiß wert, darum will ich mich heute mal benehmen wie ein guter Wissenschaftler und meine Aussage empirisch belegen. Dafür brauche ich zwei Dinge. Erstens: das beste Rennspiel, das jemals entwickelt wurde: Super Mario Kart. Das gilt sogar als eines der besten Videospiele aller Genres und steht im Guinessbuch unter “Bestes Konsolenspiel aller Zeiten”. Was das heißen soll muss uns nicht interessieren, also kommen wir zu Zweitens: ich brauche Alkohol. Ein sautrockener Champanger steht hier noch rum, der wahrscheinlich nicht sehr repräsentativ ist, aber einen besseren Anlass wird es demnächst nicht geben und Bier habe ich gerade eh nicht da, also los gehts. Aber vorher muss ich mich einfahren, denn als ich das letzte mal Super Mario Kart gezockt habe sprengte die RAF gerade den Weiterstädter Knast in die Luft und Walter Röhrl fuhr mit seinen Kumpels den legendären 911 Turbo S Le Mans GT zu Schrott. Ich werde jetzt nur ein paar Pixel verheizen und zwar so lange, bis meine besten 5 Zeiten weniger als 1% auseinanderliegen - das würde ich dann als warmgefahren bezeichnen. Und dann wollen wir mal sehen, was der Champagner bewirkt… Da bin ich wieder und hier sind die Messwerte: Nüchtern: 1:31.33 Minuten; 1 Glas: +8.12 Sekunden; 2 Gläser: +12.38 Sekunden; 3 Gläser: +24.30 Sekunden. Und das muss reichen, ich bin keine 18 mehr, ausserdem will meine Frau auch noch was von der teuren Plörre. Aber der Trend ist jetzt schon klar: wer trinkt, verliert, so einfach ist das. Obwohl sich hier streng genommen erst mal nur eines folgern lässt: wer nüchtern einen Unfall baut, der fährt dabei mindestens 9% schneller.

Aber über Videogames wollte ich nicht schreiben, sondern über die Franzosen - die haben schon wieder eine Krise. Eine Alkoholkrise nämlich, denn jedes Jahr sterben in Frankreich ein paar tausend Leute im Straßenverkehr und in einem Drittel der Fälle war dabei Alkohol im Spiel. Das ist drei mal öfter als in Deutschland, vielleicht sogar fünf mal, wenn man die Vorpommern rausrechnet. Und das sind mehr Tote, als in modernen Kriegen anfallen, wir reden also nicht über die Europäische Bananenverordnung - hier geht es um Leben und Tod. Es wird höchste Zeit, dass die miesen Säufer einen mächtigen Gegner bekommen: Nicolas Sarkozy. Der sieht zwar aus wie Doof aus Dick und Doof, aber das ist nur Tarnung, der Mann ist clever, deswegen hat er die Trunkenheit am Steuer zum Staatsfeind erklärt. Da kann ja wohl keiner was dagegen haben, ich jedenfalls nicht, vor allem dann nicht, wenn ich Samstag Nacht mit dem Mopped aus dem Urlaub komme und mir ein besoffener Halbstarker seine Anderthalbtonnen-Schrottkarre aus der Nebenstraße in die Seite knallen will.

Was hat der clevere Staatsmann also vor? Ein ganzes Maßnahmenpaket natürlich, wovon ein Gesetz demnächst akut wird, nämlich die Pflicht zum Mitführen eines Alkoholtesters in jedem KFZ ab 50 Kubik. Also auch auf dem Motorrad. Einwegtest-Kits wird es an der Grenze und an Tankstellen für 2 Euro geben und die dürften bei vielen auch noch unter die Sitzbank passen. Die Benutzung ist nicht vorgeschrieben, man muss bei Kontrollen nur einen unverbrauchten Kit vorzeigen, obwohl ich nicht glaube, dass die Cops auf ausländische Moppedfahrer scharf sein werden. Die Idee ist scheinbar, dass man sich mindestens zwei Kits kauft und dann wirklich mal einen Test macht, vielleicht nach dem Mittagessen, irgendwo in der Provence. Wenn das Ding dann anschlägt fährt man wahrscheinlich trotzdem weiter, aber trinkt zum nächsten Ratatouille nur noch ein Glas Wein.

Vielleicht wird das alles nichts bringen und vielleicht kassieren auch ein paar korrupte Regierungsberater fette Lobbygelder von den Kit-Herstellern, aber es gibt auch einen Aspekt, der mir runter geht wie Öl: wenn die Franzosen etwas testen, das in anderen Staaten nicht praktiziert wird, dann ist das Wettbewerb. In dem Fall ein Wettbewerb um sichere Straßen der nur eines von zwei Ergebnissen haben kann: entweder funktioniert es oder es funktioniert nicht. Im zweiten Fall ist es dann dumm gelaufen, weil Gesetzte niemals zurückgenommen werden und Millionen von Franzosen bis zur nächsten Revolution nutzlose Alkoholtestkits kaufen werden. Aber im Erfolgsfall können wir alle davon lernen und es gibt keinen anderen Weg, es herauszufinden, als dass es jemand probiert. Das ist das Gegenteil vom großen politischen Trend in Europa, nämlich der Vereinheitlichung und Zentralisierung, durch den kein Staat mehr etwas besser machen darf, als die Nachbarn, deswegen gratuliere ich den Franzosen. Das ist die nette Variante, die Lage zu beurteilen, jetzt kommt das Gemotze, schließlich geht es um unsere Leben.

Vor 25 Jahren ging man Samstags noch zur Schule, in der DDR jedenfalls, und mein Schulweg führte an einem Konsum vorbei. Fast jede Woche standen dort ein paar Dutzend Leute in einer ewigen Schlange, weil es was Knappes zu kaufen gab. Bananen, wenn wir viel Glück hatten, vielleicht aber auch nur Erdbeeren. 20 Jahre später fuhr ich oft in die Innenstadt, wo es zwar inzwischen immer Bananen gab, aber ich stand trotzdem jede Woche in einer Schlange, nämlich in einer Autoschlange. Im Stau. Und der hat exakt die selbe Ursache wie die sozialistischen Bananenschlangen: Planwirtschaft. Die Planwirtschaften gingen vor die Hunde, weil der Staat die Preise politisch bestimmt hat und nicht auf Basis von Angebot und Nachfrage. Wenn in einer Marktwirtschaft plötzlich alle Erdbeeren futtern wollen, dann gehen sofort die Preise hoch und das sendet Signale an Bauern und Importeure aus, die mehr Bananen besorgen und dabei hoffentlich nicht im Stau stehen. Im Stau können sie nämlich hupen und fluchen bis zum Feierabend, solche Signale sind wirkungslos, weil die Straßenplaner von Hupsignalen auch nichts kaufen können und der Staat offenbar andere Pläne hat, sonst würden nicht zwei Drittel der Einnahmen aus KFZ- und Mineralölsteuer außerhalb des Straßenverkehrs ausgegeben.

Als die Straßen noch in Unternehmerhand waren, wurde die Nutzungsgebühr zum Beispiel nach Anzahl der Pferde vor den Kutschen berechnet und nach Anzahl der Achsen und der Radbreite. Wer die Straßen kaputt fuhr, der hat dann eben mehr bezahlt, was wiederum Signale an die Hersteller der Kutschen sendete, straßenschonende Kutschen zu bauen. Das ist so lange her, dass wir das Pferd inzwischen durch ein computergesteuertes Zweirad mit der Pferdestärke eines Schwadrons ersetzt haben. Das haben wir der Marktwirtschaft zu verdanken. Und was ist aus unseren Planwirtschaftsstraßen geworden? Nichts ist passiert, seit 2005 gibt es nun in Deutschland eine LKW-Maut, die sogar die Anzahl der Achsen berücksichtig. Wow. Also gut, die Straßen sind besser geworden, aber sicher nicht im Tempo des Marktes. Und in Zeitlupe entwickelt sich dann eben auch die Straßensicherheit weiter. Aber wir haben ja Herrn Sarkozy und andere clevere Planer. Die sind so klug wie ein paar Millionen von uns, die brauchen nicht mal Preissignale, die werden sich schon was einfallen lassen, für die nächsten 200 Jahre. Vorerst ist das eben ein Einweg-Plastikbeutel in den man reinblasen kann, um zu erfahren, ob man vor einer halben Stunde ein Bier getrunken hat. Sollte das mal EU-Verordnung werden, dann betrifft das allerdings nicht die Fußgänger, die am Verkehr teilnehmen, die Rumänen dürfen also weiter ihre lustigen Verkehrsschilder aufstellen: “Achtung betrunkene Passanten!” Viel gelacht wird auch über “Alkohol Test in Serbien”, auf YouTube, in dem ein Opa von einem Cop bei einer Kontrolle einen Alkoholtester zum Reinblasen gereicht bekommt, aber der Alte ist so besoffen, dass er das Ding für einen Flachmann hält und zu ‘nem kräftigen Schluck ansetzt. Bei solchen Typen sollte man vielleicht andere Geschütze auffahren. Wie wäre es mit dem Vorschlag von Jeremy Clarkson, dass sich jeder Fahrer mit Alkohol im Blut eine grüne Leuchte aufs Autodach setzen muss und dann nur noch 15 km/h fahren darf. Wer ohne Leuchte erwischt wird, der wird auf der Stelle erschossen.

Aber Spaß beiseite, wir werden vielleicht nicht die letzten sein, die Lachen. Von der Europäischen Kommission wurden in den letzten 10 Jahren mindestens 5 Projekte finanziert, die mit der Planung einer staatlichen Fahrzeugüberwachung zu tun hatten. Da werden dann zum Beispiel Black Boxen empfohlen, die eine “100% Überwachung aller Verkehrsordnungswiedrigkeiten” ermöglichen. In Frankreich wurde ein System getestet, das aktiv die Geschwindigkeit deines Autos drosselt, sobald du schneller fährst, als es gerade erlaubt ist. LAVIA ist der Name dieses Projekts und im November hat Sarkozy noch angekündigt, es endlich bald in Aktion sehen zu wollen. Noch sieht es so aus, als ob all diese Projekte im bürokratischen Sumpf stecken bleiben und ihnen der Markt mit kundenfreundlichen Lösung zuvorkommt. Zum Beispiel ein Gaspedal, das mal freundlich einen winzigen Gegendruck aufbaut, wenn man die zulässige Geschwindigkeit überschreitet. Oder von mir aus auch ebenfalls eine Black Box, die aber nicht an Big Brother Meldung macht, sondern von deiner Versicherungsgesellschaft stammt und deine Prämie senkt, wenn du ordentlich fährst. Es besteht also Hoffnung für unsere Sicherheit, solange man uns Geld übrig lässt, um Signale zu senden.

Hörst Du die Trommeln auch schon, Kollege?

Es war kurz nach Mitternacht und ziemlich neblig, als mein Kumpel mitten auf der B100 anhielt, ausstieg, zum Kofferaum ging und im Wald verschwand. Eine halbe Minute später hörte ich es trommeln. Dieser verdammte Irre war zum Trommeln in den Wald gegangen. Im Dunkeln, im Winter. Zehn Minuten lang musste ich in seiner Karre hocken und nachdenken. Und erst eine Stunde später würde mir klar werden: er ist gar nicht der Irre hier - ich bin es. Und nicht nur ich.

Mein Mopped war vor einer Stunde liegen geblieben. “Wahrscheinlich ein Vergaser-Problem, vielleicht aber auch nicht, die Dinger sind hochkomplex, woher soll ich das als Laie wissen.” jammerte ich, als er wieder im Auto saß. Eigentlich hatte ich die Karre noch nie genau angekuckt. Jedenfalls nicht von innen. Es war eine GSX-F aus den 80ern. 750er Reihenvierzylinder. Eine komplett unterschätzte Gebrauchtmaschine - normalerweise extrem zuverlässig und trotzdem überall fast geschenkt zu haben. Warum? Weil sie unfassbar hässlich ist. Darum hatte ich schon auf der Heimfahrt vom Händler begonnen, die Verkleidung abzuschrauben. Mit Flex und Panzertape ging es zu Hause dann weiter. Hinten noch ein schickes LED-Licht installieren, natürlich wie immer nur schnell drangepfuscht, so dass mir bei 12.000 Umdrehungen auf der Autobahn der Frontscheinwerfer durchbrannte. Nachts, in einer Kurve, das hätte als Warnung eigentlich reichen müssen.
Das alles war auch insgesamt der große Plan: möglichst billig kaufen und dann runterwirtschaften, bis alles nur noch Schrott ist und dann ab auf den Müll. Passt auch super zum Zeitgeist. Und irgend jemand wird sich schon um mich kümmern, wenn mir dann der Motor auf der Bundesstraße verreckt.

Bevor mein Kumpel zum Trommeln in den Wald rannte, hörte er im Internet-Radio die Nachrichten. Eine Firma aus Brüssel, die keiner kannte, sollte 700 Milliarden Euro bekommen, “bedingungslos” und “unwiederruflich” - praktisch direkt von unseren Konten in ihre Kaffekasse transferiert. Dazu sollte ein Gouverneursrat gebildet werden, der zum Schweigen verpflichtet würde, es wäre damit niemandem gestattet, darüber Ausknuft zu verlangen, was mit seinem Geld geschah. Der Firma würde außerdem Immunität zugesichert werden, sie sollte also außerhalb jeglicher Strafverfolgung operieren dürfen. Das ganze nannten sie den Europäischen Stabilitäts-Mechanismus.
Ich wunderte mich kurz, wieso das im Fernsehen nie so gesagt wurde, aber im Grunde ging mich das auch alles nichts an, ich kann es als Laie eh nicht beurteilen, dachte ich und wischte mir den Schmutz von den Händen.
“Die Firma aus Brüssel wird das Geld dann verteilen, angeblich an Bedürftige, an Typen wie Dich, die ihre Karre in den Dreck gefahren haben, weil sie dachten: ich bin ja nur Laie und das ist alles so komplex, das sollen die Experten mal machen.” schnautzte mein Kumpel rum. Dem armen Schwein hatte ich mal wieder den Abend versaut, die Stimmung war sowieso im Keller, auch wenn er seit dem Trommeln wieder einen zweistelligen Puls zu haben schien.
Er hatte ein paar Semester Volkswirtschaft studiert, bis er erkannte, dass sich seine Lehrer immer nur für die Theorien interessierten, die deren Weltbild gut aussahen lassen und das war im Fundament immer konform mit dem Weltbild derer, die das Gehalt der Professoren zahlten. Und diese behämmerten Zombies wiederum hatten kein Interesse an der Forschung, für die stand ein einziges Wort ganz fett auf der Agenda: Besitzstandswahrung. Die Vision von der wissenschaftlichen Suche nach der Wahrheit war eine Farce. Natürlich immer schön verpackt, zum Beispiel in keynesianischer Bullshit-Mathematik, damit sie alle vor lauter Bäumen den Wald nicht ansehen mussten. Es hatte keinen Sinn das zu praktizieren, genausogut könnte er als verkleideter Primat im Zirkus auftreten. Deswegen schmiss er das Studium und wurde Motorradmechaniker.

“Aber es ist noch viel schlimmer.” sagte er, “Bei den Bedürftigen wird unser Geld niemals ankommen. Das System ist im Kern so verrottet, wie Dein Motorrad.” Er hatte recht. Es ging um die Einstellung. Wer sein Motorrad verkommen lässt, der interessiert sich nicht für das, was er macht. So breitet sich das Desinteresse im Leben aus und damit auch im Leben der Anderen und im ganzen verdammten Land. Das muss mein Kumpel wohl mit “System” gemeint haben.
Ich war also scheinbar doch in der Lage etwas zu ändern, weil ich offenbar letztendlich selbst das System war. Aber ich war noch nicht bereit, es mir einzugestehen. Hier war es schließlich warm und kuschlig. Warum sollte ich jetzt damit anfangen? “Mach Dir keine Sorgen, Alter,” nuschelte ich, “die Märkte erholen sich wieder. Ich denke, was wir sehen, ist schon das Licht am Ende des Tunnels.” Er hielt am Straßenrand und sah merkwürdig entschlossen aus: "Das ist nicht das Licht am Ende des Tunnels - das ist ein entgegenkommender Zug!"

Ein kaputter Kinderwagen lag im Graben neben uns, das kam mir bekannt vor. Ich schaute nach vorn und erkannte die Stelle, an der ich vor einer Stunde liegen geblieben war. Deswegen war mein Kumpel abgebogen, nachdem er vom Trommeln zurück kam - um im Kreis zu fahren. “Mach endlich die Augen auf, Junge!” flüsterte er und stieß meine Tür auf. Dann lud er mein kaputtes Mopped vom Hänger und stellte es wieder auf die Straße. Verdammte Scheiße, dachte ich. Er hat recht. Es ist an der Zeit, die Sachen selbst in die Hand zu nehmen. Ich musste wohl dankbar sein, noch solche Kumpels zu haben.
Das Panzertape sah plötzlich ziemlich albern aus, als ich nun allein vor dem Fahrzeug stand. Ich kauerte mich vor den Motorblock, um mir zum ersten mal das System genau anzuschauen. Der Nebel um mich herum begann sich langsam zu lichten.

Diese Story wurde auch in meiner monatlichen Tourenfahrer-Glosse veröffentlicht.


Illustration (cc by) Stefan Kluge


Blut und Pflanzen in Bolivien

Diese Story sollte eigentlich in meiner monatlichen Tourenfahrer-Glosse erscheinen - wird sie aber nicht, weil sie zu krass ist. Dabei hatte ich sie schon entschärft. Die unzensierte Version wird in meinem Buch »Das Gegenteil von Staat - Geschichten über Outlaws« abgedruckt, voraussichtlich Ende des Jahres.


Illustration (cc by) Stefan Kluge, Francesco Rachello


Was ein Washingtoner Drogendealer mit Frieden und Wohlstand in den Anden zu tun hat.

Die übliche Art Meskalin zu schmuggeln ist jedenfalls nicht in einem 100 Liter Müllsack auf der Sitzbank einer XT 500. Zumindest nicht in Europa, aber vielleicht in La Paz. Seit einer Woche hingen wir hier fest - ein halbes Dutzen Backpacker und ein Bikerpärchen aus Washington. Die deutsche Botschaft hatte gerade begonnen die Touristen mit Militärhubschraubern auszufliegen. 26 waren schon draußen, 83 warteten noch. Das meldete AFP am Nachmittag - mich nicht mitgezählt, denn ich hatte nicht vor, schon zu gehen. Jedenfalls nicht bevor mir vor dem Hostal eine Australierin in die Arme lief: “Wenn Du die Stadt verlassen willst, werden sie Dich töten! Alle Busse kamen mit eingeschlagenen Scheiben zurück.“ De Lozada, der Präsident, musste wie ein verprügelter Hund aus dem Land fliehen und saß bereits im Flieger nach Miami. Auch wir kuckten uns den Wahnsinn von oben an, nämlich von der Dachterasse unserer Herberge.

Ein Berliner Rasta-Mädchen ließ einen Joint kreisen und fuhr mit ihrer Geschichte fort: „Wir haben nach ‚polvo de San Pedro’ gefragt. Du musst das Pulver verlangen! Wenn sie kein Pulver haben: Zur Not tut es auch ein Kaktus, aber das Pulver macht es einfacher und du bekommst es gleich in der richtigen Dosierung.“ Neben ihr saß ein Typ im Schafsfell-Umhang und unterbrach sie: „Zumindest dachten wir, es wäre die richtige Dosierung“. An der Trommel zwischen seinen Beinen klebte ein „Pro Palästina“-Sticker, was den Israeli neben mir nicht zu stören schien. Der war mit seiner Kamera beschäftigt. Olga, die Rasta-Braut, fuhr fort: „Das Pulver rührst du in einen Tee ein und den trinkst du, bevor das Zeug fest wird. Und dann musst du nur noch warten.“ Der Schäfer hörte auf zu trommeln und nahm den Joint entgegen: „Es war total strange! Mein Mutterschiff hat angefangen zu leben!” Mit Mutterschiff meinte er sein Zelt und dann wurde er noch blumiger: “Die Wände haben geatmet. Oder pulsiert! Da ist alles innerlich zerflossen! Irgendwie riss das Feuer dann sein Maul auf und fraß mein Zelt. Ab da kann ich mich nicht mehr erinnern.“ „Ich leider auch nicht“, ergänzte Olga. „Aber an den nächsten Morgen!“ fuhr der Schäfer fort. „Mein Zelt war abgebrannt. Und meine Sachen. Sogar mein Lama-Pullover. Und den hatte ich an!“ Er zog sein Schafsfell beiseite und zeigte eine fiese Brandwunde. Ein Licht blitzte auf - der Israeli hatte prompt ein Foto geschossen.

Als wir mit Lachen fertig waren, hörten wir in der Dunkelheit Knaller hochgehen. Oder wahrscheinlich waren es Schüsse, schließlich war ja Bürgerkrieg. Am nächsten Tag saß ich als Sozius auf dem Bike des Washingtoners, der sich als kleingewerblicher Drogendealer entpuppt hatte. Wir waren auf dem Weg nach Coroico. Dort sollte es rauhe Mengen San Pedro geben, das war der Meskalin-Kaktus, dem der Schäfer seine Brandwunde verdankte und den wollten wir jetzt alle mal testen. La Paz liegt auf 4000 Meter Höhe, in einem Krater, auf dem Anden-Hochplateau. Wenn man aus Peru kommt, fährt man stundenlang auf dieser Hochebene, aus der ein paar der schönsten Sechstausender ragen. Und dann gelangt man an den Rand des Kraters, der 1000 Meter nach unten geht und zwei Millionen Menschen fasst. Es gibt nicht viele Orte wie diesen auf der Welt. Als wir in die Stadt fuhren brodelte es schon an den Rändern. Überall standen ausgebrannte Autowracks und vermummte Typen liefen wild durcheinander. Dann wurde mir auch noch mein Pass geklaut. Aber was solls, dachte ich, hier kommst du so schnell sowieso nicht raus, denn hinter uns hatten die Aufständischen die Stadt verriegelt. Es gab nur noch eine befahrbare Straße, die Camino de la Muerte. Zu Deutsch heißt das “Straße des Todes” und auf der standen wir gerade. Rechts neben uns ging es 500 Meter nach unten, senkrecht und ohne Leitplanke. Links neben uns schob sich ein 40-Tonner vorbei und kratzte dabei mit der kompletten Flanke am Felsen, weil die ganze scheiß Piste nur 3 Meter breit war. Alle paar Kilometer steckte ein Kreuz am Wegrand und wir hatten noch 4 Stunden Fahrt vor uns.

Wir kamen zitternd am Ziel an, aber es sollte uns bald wieder blendend gehen, denn ein weißer Geschäftsmann, der sich gerade ein Taxi gerufen hatte, hörte mich fluchen und lud uns sofort zu sich nach Hause ein. “Habt keine Angst, Jungs”, sagte er, als wir seine Villa betraten, “Es gibt eine bombensichere Methode, dieser verrückten Gewalt zu entkommen.” und zeigte auf ein Kinderlaufrad. “Aber es dauert eine Weile!” Wir standen auf einer Glasveranda. Weiter unten am Berghang stieg Dampf aus seinem Pool auf, der von innen leuchtete. Der Mann war mit Spekulationen reich geworden. Er kam gerade aus Uruguay, von der Residenz eines befreundeten Spekulanten. Der hatte “Crisis Investing” geschrieben, ein Bestseller in den 80ern. Die These war: je stärker Regierungen die Märkte regulieren, desto größer die Nebenwirkungen - zum Nachteil der Produktiven und Investoren, aber zum Vorteil der Spekulanten. Wenn jeder Hanswurst nach Regulierung schreit, haben Spekulanten also gute Karten. Ein Kleinkind fing hinter uns an zu jammern und die bolivianische Frau des Mannes verschwand im Haus. “Genau genommen wird es noch mindestens zwei Generationen dauern, bis zur friedlichen Zivilisation, aber ich habe großes Vertrauen in euch.” sagte er und zog einen Zweig Gestrüpp aus dem Kinderrad. ”Wer die Gewalt beenden will, hat nur eine Möglichkeit: seine Kinder gewaltfrei erziehen. Wenn ihr euren Kids das Schlagen nie beibringt, dann knüppeln die auch später nicht auf Kommando in der Gegend rum. Ihr wurdet ja bereits so erzogen, deswegen seid ihr auf dem Motorrad gekommen und nicht im Panzer. Eure Kinder werden noch einen Schritt weiter gehen.” Mein Washingtoner Gefährte wurde neugierig. “Eure Kinder werden nicht nur selbst nicht mehr im Panzer kommen, sie werden sich sogar weigern, die Panzer zu bezahlen, mit denen dann andere kommen.”

“Keine Sorge”, sagte der Washingtoner Dealer, “an meinen Geschäften klebt garantiert kein Blut. Ich kaufe und verkaufe unversteuert. Kein Cent davon landet bei der Army.” Der Spekulant nickte. “Genaugenommen sind wir hier, um bestimmte Kakteen zu kaufen.” Unser Gastgeber wusste bescheid und stellte uns am nächsten Morgen einem Bauern vor. Ein freundlicher kleiner Kerl, mit einer Horde lachender Kinder im Garten, die neben einer Hecke aus Kakteen herumtanzten. Offensichtlich waren das die San Pedros und der Bauer hatte auch gleich eine Machete zur Hand. Unser Geld drückte er seiner Frau in die Hand und ohne dass ein Schuss gefallen wäre verließen zwei zivilisierte Gringos einen zufriedenen bolivianischen Bauern mit einem 100 Liter Müllsack voller einheimischer Vegetation.

Geist der Biker

Für den Tourenfahrer schreibe ich eine monatliche Glosse, in der ich ordentlich auf die Kacke haue. Das wird dann leicht entschärft abgedruckt - die radikaleren Originaltexte werde ich hier gelegentlich mal posten. Mit diesem Text über unseren Russland-Trip fing alles an:

„Wollt ihr sterben? Ich bin Speznas, es kostet mich gar nichts, euch alle abzuschlachten.“ Es gibt Gegenden, da reden die Leute Klartext und wenn Du mit “Willst Du sterben?” begrüßt wirst, dann weißt Du, dass Du nicht mehr im Büro bist - dann hat der Urlaub offiziell begonnen. In diesem Fall im russischen Grenzland, 0:37 Uhr, wo ein blutender 150 Kilogramm-Nahkämpfer mit 2 Promille und Tauchermesser ein Nest von rastenden deutschen Bikern aushebt. Und warum auch nicht? Wer fährt schon freiwillig auf zwei Rädern in die Ferien? Das machen nur Kerle die sich ein romantisches Zeltlager nicht vermiesen lassen, nicht von den Speznas und auch nicht von Mücken so groß wie Industriestaubsauger. Zum Beispiel ein sächsischer Motorradclub auf Pilgerfahrt. Wir leben in wilden Zeiten und der Wahnsinn hat viele Gesichter. Wer bei vollem Bewusstsein 250 Arbeitstage im Büro verbringt und am Abend den Fernseher anmacht, der hat dem Wahnsinn in die Augen gestarrt, den kann ein besoffener Russe unterm Tannenbaum nicht schocken. Im Gegenteil. Endlich wird mal Tacheles geredet, da kann man sich das weichgespülte Hirn frei blasen. Wer das lange genug durchhält, der wird in seinem eigenen Gesicht nach ein paar Wochen einen alten Bekannten wieder treffen: das Breite Grinsen. Im Prinzip wartet der Spaß ja vor der Haustür. Zumindest für einige von uns. Mann nimmt ihn zwischen die Beine um sich damit in unter 4 Sekunden auf 100 zu katapultieren. Das ist schnell genug, um den Alltag abzuhängen - alles was noch schneller wäre, ist illegal. Als man mich fragte, ob ich den Trip des Clubs filmen würde, hatte mich gerade der TÜV vom Hof gejagt. Also musste ich auf der Supermoto meiner Frau nach Russland fahren. Einer KTM Duke. Dieser alpine Dampfhammer wurde nur zu einem Zweck geschaffen: um entweder auf dem Hinterrad oder auf dem Vorderrad bewegt zu werden. Nur im Ausnahmefall auch auf zwei Rädern gleichzeitig, nämlich wenn der Fahrer auf eine Straßensperre zurutscht. Eine normale Verkehrsteilnahme wurde nicht vorgesehen und eine zusammenhängende Fahrt von über 100 Kilometern schon gar nicht. Das ideale Vehikel für einen 7.000 Kilometer-Trip, denn man sollte sich nicht täuschen: das Breite Grinsen gibt es nicht umsonst. Die schlechte Nachricht ist: wer richtig befreiend lachen will, der muss erst mal weinen und auf einer fingerbeheizten Reiseenduro kann es bis Ulan Bator dauern, bis Tränen fließen. Ich weinte schon in Lettland, als nach 2.000 Kilometern und einem Arsch voller Pickel die Hochsicherheitsgrenzerin sagte: „Sie können hier nicht einreisen, das Fahrzeug ist nicht auf Sie zugelassen.“

Orthodoxe Biker-Priester

Wir wollten zum Black Bears Yaroslavl Motorradclub. Die waren für die Bärenmeile berüchtigt, das ist Wintersport auf russisch: 1000 Rallye-Kilometer in 24 Stunden, inklusive Flussdurchfahrten bei 20 Grad minus. Statt Gore-Tex haben die Jungs Damenbinden im Turnschuh, das kann man sich ja gleich mal für den nächsten Blumeninsel-Ausflug merken, wenn der 500 Euro Stiefel nach der Sommerhusche nicht gleich wieder furztrocken ist. Der Black Bears MC war auch bekannt für seinen legendären Priester und der hatte uns angeboten, unsere Motorräder zu segnen. Das hatte uns der Geistliche in unserem Club eingebrockt: Roman – orthodoxer Theologe und Gründungsmitglied des MC Metern Sachsen. Er hatte selbst Wurzeln in Russland, war praktischerweise auch Dolmetscher und hatte beschlossen, mit dem MC Metern in seine Heimat zurück zu kehren. Auf dem Urgestein der modernen Straßenmaschine – einer Bandit. Ich hatte meine letzte Bandit mit 80 Sachen in eine Mercedes-Tür gerammt. „Ich sah nur noch diesen roten Feuerball auf mich zukommen!“ faselte die Unfallgegnerin vor Gericht, aber die Schmeicheleien kamen zu spät, mein Bike war ruiniert. Romans Bandit hatte bereits zwei Bremsscheiben am Vorderrad, es konnte also nichts mehr passieren. Und außerdem stand uns die Segnung bevor, die würde uns praktisch unverwundbar machen. Ich kannte das Segnen von Dingen nur aus Videospielen, in denen die Fahrzeuge dann besser performten, aber man hatte mir versichert, dass auch im echten Leben ein Effekt zu bemerken wäre – wenn auch nicht direkt im Fahrverhalten. Also packte ich die Kamera und fuhr mit nach Russland. Oder bis nach Lettland, an die russische Grenze, weiter kam ich ja erst mal nicht: der Staat musste jetzt erst mal seine autoritäre Fratze rausholen. Aber wo die Leute Klartext reden, da ist auch der gesunde Menschenverstand nicht weit, selbst der Grenzerin war völlig klar, dass ich hier einreisen musste, also durfte ich in der Dämmerung eine Vollmacht fälschen und wir brachen auf ins Speznas-Land.

Hinterland

Es war unsere erste Nacht hinter der Grenze. Der besoffene Soldat hatte sich freundlicherweise zurückgezogen: „Ich komme wieder, mit Verstärkung, und dann werden wir euch in euren Zelten verbrennen!“ In Fachkreisen sagt man auch „gezielte Tötung von Personen“, das stand zum Thema Speznas in meiner Handy-Wikipedia, deshalb empfahl ich die unverzügliche Weiterreise ins Landesinnere. 2.000 Kilometer lagen vor uns: über St. Petersburg, durch Karelien, entlang des Onegasees, bis in den Goldenen Ring, nach Jaroslawl. Die Metropolen im Westen sind durch Trassen verbunden, die den klaren Vorteil haben, dass der gemäßigte Mitteleuropäer dort am Steuer nicht einschläft. Ab 120 kommt Rallye-Feeling auf: Smog, Schlaglöcher, Verkehrschaos – ich hatte in 10 Minuten mehr Kalorien verbrannt, als auf einer Fahrt von Zürich nach Hamburg. Das ist was für Sportsmänner. Spieler setzten eher auf Nebenstraßen. Die sind erst mal vielversprechend: wenig Verkehr; gastfreundliche Provinzen; Kolchosen mit Bergen echter Hausmannskost, zum Preis eines halben McMuffins. Dafür ist die nächste Tankstelle schon mal 300 Kilometer entfernt – mit einem 12 Liter Tank braucht man nicht antreten. Nebenstraße enden gerne auch in Baustellen, die sich als 50 Kilometer lange Grobschotterpisten herausstellen. Hier sind große Vorderräder angesagt, gerne auch mit Straßenprofil, aber möglichst auf mindestens 19 Zoll. Sportlich wird es dann doch wieder, wenn eine Lehmpiste anfängt und es seit drei Tagen regnet. Da helfen auch die „Metzeler Enduro“ nicht weiter, weil das bisschen Freiraum im Profil keinen Kilometer frei bleibt, da müssen echte Beißer-Stollen ran. Das wirkt sich fies auf die Etappenzeit aus vor allem in Gruppen mit Straßenfraktion. Deshalb ist Zelten erste Wahl: wenn es dunkel wird fährt man von der Straße runter und schlägt das Lager auf. Das passt sogar gut zum ländlichen Lebensrhythmus und ist in Russland auch noch legal. Wir waren zu sechst. Christian war das älteste Mitglied unseres Clubs. Er hatte seine R1100R gerade erst gekauft und es war seine erste Krad-Tour seit 25 Jahren. Über ein halbes Jahrhundert produzierten die Bayern diesen Zweizylinder-Boxer, die unzerstörbare Gummikuh. Auch die Dnepr- und Ural-Ingenieure fanden den Motor super und bauten schon zu wehrmachtszeiten die feinsten Plagiate. Menschentrauben bildeten sich immer eher um die BMWs – wer also gefeiert werden will, der sollte in Weiß-Blau erscheinen. Uwe war ausgestattet, um mit 190 durch knietiefen Sand zu fahren. Seine KTM 990 war der Einstieg der Österreicher in das Segment der großvolumigen Reiseenduros. BMW hatte den jahrelang mit der R1200GS dominiert – die Schwarzenegger des Motocross hatten nun beschlossen, auch die Schlammspritzer mit schwerem Gerät auszustatten. Tom war mir bereits als Kamikazefahrer bekannt. Seine BMW K100 hatte einen modifizierten Automotor unter dem Tank hängen. 250 Kilo schwer – beladen: eine halbe Tonne. Eine Maschine, die man in Richtung Sibirien dreht und von der man erst wieder absteigt, wenn man angekommen ist. Die fahrende Komfortmatratze unter unseren Krädern. Die Ausrüstung von Matthias, Chirurg und Chef des Clubs, war darauf optimiert, eine Leber-OP auf offener Straße durchzuführen – er hatte genug Schmerzmittel für eine Kleinstadt und ich spekulierte seit der Abreise damit seine Adrenalinampullen zu stehlen. Auch er fuhr die 990er Zweizylinder-KTM – mit abgeflextem Windschutz, um den Fahrtwind besser zu spüren. So stießen wir weiter in das Hinterland vor, auf Nebenstraßen, in Richtung der Ostgrenze des Kontinents. Die Tage zogen ins Land und wir waren auf dem besten Weg unseren Rhythmus zu finden: kurz vor der Dämmerung schlugen wir die Zelte auf, beleidigten die Maschine des Gesprächspartners und warteten ungeduldig auf den Morgen. Gefrühstückt wurde beim ersten Stop des Tages und das Essen schmeckte immer besser. Immer schlechter wurden dafür die Straßen, aber das war gut so, denn mit jedem Schlagloch fiel nur noch ein weiterer lästiger Gedanke von uns ab. Nach einer Woche in Russland hatten wir den Alltagszorn abgelegt und den Zielzustand erreicht: den Flow.

Outlaw

5 Jahre zuvor, an einem labilen Juniabend: mehrere Sondereinsatzkommandos auf dem Weg zu einer Black Bears Clubfeier, auf der sich ein paar Streifenbullen mit einem Mitglied angelegt hatten. Noch bevor die Six-Packs richtig in Stellung gehen können, fahren ihnen ultrakurze Basswellen in die Schädel: ein paar tausend Biker lassen ihre Stiefel rhythmisch auf den Asphalt krachen, um ihr Territorium zu markieren. Der libertäre Russe sieht das nämlich ganz praktisch: entweder bezahlt er die Staatspolizei, oder er engagiert eine andere Art Mafia-Sicherheitsdienstleister. Der Staat nennt es “Steuern” und die Mafia spricht von “Schutzgeld”. Zahlt er nicht, wird er von beiden vernichtet: die Beamten kidnappen ihn, werfen ihn in eine stinkende Zelle und sorgen dafür, dass er nie wieder einen Job bekommt; die Mafia schlägt ihm den Schädel ein und brennt sein Haus ab. Er hat also durchaus eine Wahl und in machen Gewerben sind die außerstaatlichen Sicherheitskräfte die einzigen, die ihr Geld wert sind. Auf dieses Geschäftsfeld haben sich manche Motorradclubs spezialisiert - die Black Bears gehören allerdings nicht dazu. In Jaroslawl erwartete man unsere Ankunft. Genau genommen kam ich gerade aus dem Gewächshaus eines Klosters, als mitten auf dem Dorfmarktplatz ein riesiger schwarzer Bär auftauchte. Wir hatten vor einem Waffenladen unsere Zelte aufgeschlagen, schließlich kam die Sonne endlich raus, warum also nicht mal ein Nickerchen machen. Ich holte sofort mit meiner Kamera zum Schlag aus, als ich das Biest plötzlich vor mir sah, bis ich gerade noch rechtzeitig begriff, dass der Priester des Black Bears MC vor mir stand. Der Mann war so breit wie ein achtzylinder Reihenmotor und konnte mit seinen Nackenmuskeln mehr Drehmoment entwickeln als eine Vincent Black Shadow auf der Zielgeraden. Aber dafür war er nicht bekannt geworden. Seine Jugendarbeit war das Phänomen. Im Namen des Herren machte er aus harmlosen Kirchgängern sattelfeste Biker und manchmal auch umgekehrt, jedenfalls bereicherte er offenbar die Szene, denn die Black Bears stellten ihn eines Tages eine nagelneue Chopper vor die Tür, mit 1%-Zeichen auf dem Tank und der Einladung, dem Club beizutreten. Unter den 1% Outlaws der 100% Kradfahrer dürften nicht allzu viele Erzpriester sein, dachte ich mir, witterte fette Beute und versteckte mich hinter der Kamera, anstatt damit auf den Geistlichen einzuprügeln. Das zahlte sich aus, denn der Mann war ein erstklassiger Gastgeber. Auf der Fahrt zu seiner Kirche machten wir in einem halben Dutzend Klöstern halt, wo jedesmal festlich aufgetischt wurde, aus hauseigenem Anbau, dagegen schmeckt die deutsche Biogurke wie ein nasses Stück Zellstoff. Ich hatte inzwischen einen knappen Liter Wein getrunken und ich war nicht der einzige. Wenn Du mit einem Russen anstößt, dann weißt Du besser genau, wann Du aufhören musst, denn Du wirst der erste sein, der aussteigt. Aber das sagt sich so einfach. Auf einer Reise breitet sich die Stimmung immer in Wellenform aus - es gibt gute und schlechte Tage und während der eine gerade auf seiner Amplitude spazierenfährt, kann es dem anderen hundeelend gehen. Im Grunde hat jeder Einzelne viele solcher Wellen und wenn alle Wellen gleichzeitig an ihren Höhepunkt gelangen, dann ist man der König der Welt. Steigern lässt sich das nur noch dadurch, dass die ganze Gruppe in Extase ist. Das sind kostbare Momente in denen man noch was über sich selbst lernen kann, denn dann hängt man sich auch schon mal weiter raus als sonst, ein König ist ja unbesiegbar. Wir preschten inzwischen wie ein Tsunami durch die Dörfer, mit 180, Georgi wie ein Dreimaster an der Spitze und der Abt mit dem Passat hinterher. Dazwischen fuhr MC Metern in Hochstimmung; ich hatte gerade noch Zeit mich über meinen Rennvergaser zu freuen, bevor mir die verdammte Gepäckrolle davon flog. So kamen wir vor der Kirche des Erzpriesters an und er segnete tatsächlich die Maschinen.

Eine Notiz an mich selbst, so lange hier noch Platz ist: Auf zukünftigen Russlandreisen die Sturmhauben absetzen, sobald sich ein Soldat dem Nachtlager nähert. Auch wenn dann die Mücken zum Angriff blasen. Vor allem, wenn die Motorräder nicht zu sehen sind und man gerade einen totgefahrenen Hasen häutet.

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